Die Ihlienworther Kirche
Eine unendliche Geschichte

Das Kleinod

Ihlienworth: Die Geschichte des Glockenturmes der Wilhadi-Kirche ist eng verwoben mit stürmischen Zeiten. Seit 1648 ist im Kirchenbuch nachzulesen, welche Stürme der Turm zu überstehen hatte.
Die erste Nachricht besagt: In der Nacht zum 19. Februar 1648 hat ein starker Sturmwind den Glockenturm aus dem Fundament gehoben, die meisten Ständer wurden zwei-, drei- und mehrmal zerbrochen und an die Brandmauer der Kirche geworfen. Dabei wurden zwei Spann vom Kirchendach zerschlagen. Der Turm musste wegen Einsturzgefahr heruntergenommen werden.
Erst im Jahre 1651 nach Pfingsten - also vor 350 Jahren - konnte mit dem Neubau des Turmes angefangen werden, der aber vor dem Winter noch beendigt wurde. Der Baumeister kam aus Crempe in Holstein. Offenbar wurde damals nur ein offener Glockenturm mit Turmspitze errichtet, denn wie es im Kirchenbruch weiter heißt, schlössen die Provisoren im Sommer 1680 einen Vergleich mit dem Zimmermann Hinrich Pape aus Westerende-Otterndorf, um den Turm ringsum zu verkleiden und mit neuem Belag und Ankern zu den Ständern zu versehen.
Am 16. Dezember 1687, morgens gegen fünf Uhr, wurde dann abermals der Turm durch einen starken Sturmwind zum Teil zerstört. Die Stange mit dem Zinnapfel sowie der Hahn wurden heruntergeworfen, wobei wieder mehrere Löcher in das Kirchendach geschlagen wurden. Der Hahn hat damals im Osten der Kirche gelegen. Wegen anderer Aufgaben und Wetterkatastrophen wurde erst 1691 begonnen, die Stange nebst Zubehör wieder hinaufbringen zu lassen.
 

Zifferblätter wurden gespendet

Im Jahre 1699 folgte erneut ein harter Schicksalsschlag. Es war der 18. November, nachts um 11 Uhr, als der Glockenturm durch einen Blitz entzündet wurde. Die Löscharbeiten waren sehr schwierig, durch den starken Sturmwind wurde das Feuer begünstigt, so dass der Turm in etwa zwei Stunden gänzlich abbrannte und die Glocken zerschmolzen.
Im Frühjahr 1700 begann man aber gleich mit dem Wiederaufbau des jetzigen Glockenturmes, so dass man vor Jacobi mit dem ganzen Bau fertig wurde. Bauherr war Magnus Balle aus Osterbruch. Die Glocken wurden von Christoph Haupner aus Stade gegossen. Aus dem Material der alten Glocken konnten die neuen nicht wieder hergestellt werden.
Es wurde neue Glockenspeiche gekauft, die kleine Glocke wog 1500 Pfund und die große Glocke 2700 Pfund. 1702 wurde der Turm dann auch mit einem Uhrwerk und Zifferblatt auf der Südseite versehen. Das Uhrwerk befand sich damals oben neben dem Glockenstuhl und musste jeden Tag aufgezogen werden. 1915 wurde dann im Erdgeschoss des Turmes ein neues Uhrwerk installiert und drei Ihlienworther Einwohnerinnen Frau Tr. Timm, Frl. Mary Reisen und Frau Marg. Stöber stifteten dazu die jetzigen Zifferblätter. In den folgenden Jahren ist nichts Wesentliches zu erwähnen.
 

Glocken wurde eingeschmolzen

Im Ersten Weltkrieg musste die kleine Glocke zum Einschmelzen abgeliefert werden. 1925 wurde dann erst Ersatz beschafft. Eine Firma aus Bockenem am Harz lieferte eine Glocke aus Eisen mit folgendem Spruch: „Als Dütschland bestet Blod ist flotten, müßt uk uns Klock ehr Leben Loten. In Not schall nu dis Klock von Isen de füllen sünd, ehren, den Herrgott priesen."
Im Zweiten Weltkrieg sollte die große Glocke das Schicksal treffen. Sie, die seit rund 240 Jahren Woche für Woche den Sonntag einläutete und Stunde und Stunde ihren Klang ertönen ließ, musste den Weg zur Einschmelzung antreten. Zum Glück führte die Reise aber nur bis zum Lagerplatz nach Hamburg. In den ersten Nachkriegsjahren konnte sie unversehrt ihre Heimreise wieder antreten und ihren alten Platz einnehmen.
Im Jahre 1952 musste das Turmdach ausgebessert werden, auch der Zinnapfel wurde wieder drehbar gemacht, sodass er sich wieder jeweils auf die Windrichtungen einstellen konnte. Nach einer gewissen Zeit stand der kupferne Wetterhahn aber wieder wie „angewurzelt" auf der Kirchturmspitze und erfüllte nicht die ihm zugedachte Aufgabe. Aus einem Bericht kann man entnehmen, dass eine Lüneburger Firma, die noch bei anderen Turmarbeiten eingesetzt war, in Ihlienworth Zwischenstation machte. In einem Zeitraum von zwei Stunden hatten die Monteure in eine zum Fahrzeug gehörende Gondel den „Gockel" wieder „gefügig" gemacht. Seitdem, es war im April 1979, zeigte er den Ihlienworthern wieder die Windrichtung an.
 

Rundum-Erneuerung in den Neunzigern

1956 wurde der Turm mit einem elektrischen Läutewerk ausgerüstet. Anfang der 80er Jahre wurde auch eine kupferne Regenrinne mit Ablauf am Turmdach angebracht. Eine Einwohnerin des Kreisaltenheimes (heute Huus Ihlienworth 1) war die Spenderin.
Die eiserne Glocke, die fast 50 Jahre ihren Dienst verrichtete, musste 1975 abmontiert werden, da schadhafte Stellen auftraten und wurde unten im Turm abgestellt. Eine bronzene Glocke konnte vor 25 Jahren 1976 beschafft werden.
Anfang der 90er Jahre musste der freistehende Glockenturm voll renoviert werden und die Glocken durften wegen Einsturzgefahr nicht mehr betätigt werden. Die gesamte Balkenlage sowie alle tragenden Ständer wurden erneuert. Ebenfalls wurde ringsrum eine neue Holzverschalung angebracht.
Durch diese Reparaturarbeiten konnte die eiserne Glocke nach 20 Jahren doch noch einen neuen Standplatz einnehmen. Nach gründlicher Überholung bei einer Otterndorfer Firma, und auf Anregung des verstorbenen Kirchenvorstandsmitgliedes Theo Tiedemann in Zusammenarbeit mit Egon Jark, ziert sie nun in einen neuen Glockenstuhl den Ihlienworther Friedhofseingang.

© by S.Stüve 16.10.01
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