1894 - Ihlienworth im Gründungsjahr

Als im Frühjahr 1894 die Freiwillige Feuerwehr Ihlienworth gegründet wurde, hatte das Dorf inmitten des Sietlandes gerade ein Stück seiner oft bedrückenden Abgeschiedenheit verloren. Zwei Jahre vorher war die Straße Neuenkirchen-Bederkesa nach zwölfjähriger Bauzeit fertiggestellt worden. Diese Straße bescherte dem Sietland einen erstaunlichen Aufschwung und eröffnete den Bewohnern dieses abgelegenen Gebietes neue Möglichkeiten. Sie brachte dem Sietland den Anschluß an Otterndorf und durch die 1881 fertiggestellte Eisenbahnlinie eine gute Verbindung mit Cuxhaven und Hamburg sowie über Bederkesa eine Öffnung in Richtung Bremerhaven. Die Bauern entlang dieser Straße konnten die Milch unabhängig von Witterung und Jahreszeit zur 1887 gebauten Molkerei nach Ihlienworth und andere Erzeugnisse aus der Landwirtschaft leicht nach Otterndorf und Bederkesa transportieren.

Vorher waren die Verbindungswege im Herbst und im Frühjahr oder in milden Wintern für Fußgänger und Reiter kaum, für Fuhrwerke oft nicht passierbar. Aus diesem Grunde mußten Baumaterialien in Schiffen auf der Medem von Otterndorf nach Ihlienworth, die Haupterzeugnisse des Sietlandes, Getreide und Torf, auf dem Wasserwege nach Otterndorf befördert werden.


Entladen eines Ewers auf der Medem (um 1905)

Der Bau der Straße blieb für Ihlienworth auch in anderer Beziehung nicht ohne Auswirkungen. »Seit Anlage der Straße hat das Kirchdorf sich gewaltig zu seinem Vorteile verändert. Die alten Häuser haben zum großen Teil neuen Platz gemacht. Ganze Reihen schmucker neuer Häuser« entstanden in den folgenden Jahren. So schreibt Hauptlehrer Meier in der Chronik der Schule. Sicher sind von dieser günstigen Entwicklung vor 100 Jahren auch Impulse für das gesamte dörfliche Leben ausgegangen. Vielleicht hat sie auch den Entschluß engagierter Ihlienworther Bürger gefördert, eine freiwillige Feuerwehr ins Leben zu rufen.


Alte Hauptstrasse

Eins läßt sich eindeutig aus Zeitungen und Aufzeichnungen dieser Zeit entnehmen: In Ihlienworth muß im Gründungsjahr der Freiwilligen Feuerwehr 1894 auf vielen Gebieten rege Betriebsamkeit geherrscht haben. Wenn man die »Nordhannoversche Landeszeitung« dieses Jahres durchblättert, findet man für diese Vermutung zahlreiche Hinweise. In vielen Anzeigen wird auf dörfliche Veranstaltungen hingewiesen.

Nicht alle waren mit dieser Entwicklung einverstanden. Zu ihnen gehörte ein zeitgenössischer Ihlienworther Chronist. Er schreibt: »Der Luxus nahm überhand, Bedürfnisse aller Art, welche man hier nie zuvor gekannt hatte, waren zur Gewohnheit geworden. Leichtlebig taumelten viele von einem Vergnügen ins andere. Die Gastwirtschaften mit ihren Tanzgelegenheiten florierten und wuchsen wie Pilze aus der Erde. So mancher wohlhabende Besitzer hat in der Zeit, die ich hier weile, sich finanziell durch einen leichtsinnigen Lebenswandel ruiniert und ist von Haus und Hof gekommen. Die Bauerngüter, welche nicht stark verschuldet sind, kann man an den zehn Fingern abzählen. So steht's am Ende des 19. Jahrhunderts.«

Die Meinung des Chronisten über die mißliche Lage der Landwirtschaft ist mit Sicherheit nicht nur auf leichtfertigen Lebenswandel zurückzuführen. Gesamtwirtschaftliche Vorgänge hatten einen großen Anteil an den Problemen der Landwirtschaft. Die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse waren infolge der Billigimporte von ausländischem Getreide stark gefallen und die Löhne für das Gesinde erheblich gestiegen. Hinzu kam für das Sietland - mit Ausnahme der gepflasterten Straßen von Otterndorf nach Bederkesa und von Steinau nach Odisheim - der weiterhin katastrophale Zustand der vorhandenen Wege, der einen reibungslosen, preisgünstigen Absatz der Erzeugnisse sehr erschwerte. Sehr aktuell klingt zu diesem Thema ein Bericht in der »Nordhannoverschen Landeszeitung« vom 10. Mai 1894. Darin heißt es: »Am Himmelfahrtstage fand im Schwanemannschen Gasthause (heute Katt) in Ihlienworth die Frühjahrsversammlung des landwirtschaftlichen Vereins für Steinau und Umgebung statt. Der Vorsitzende erteilte nach Eröffnung der Versammlung Herrn Dr. Stille, Ihlienworth, das Wort zum Vortrage über die Währungsfrage. Sodann wurde noch ein kurzer Blick auf die Lage der Landwirtschaft geworfen, die seit 20 Jahren immer ungünstiger gestellt wird. Die Herabsetzung der Kornzölle durch die letzten Handelsverträge wurde als nationales Unglück bezeichnet. Dagegen wurde die Ansicht ausgesprochen, die jetzigen Kornzölle würden ganz oder fast ganz zu entbehren sein, wenn es durch geeignete Mittel gelänge, den Silberwert wieder auf den früheren Stand zu heben.«

Auch das wirtschaftliche Leben vor nun über 100 Jahren in Ihlienworth spiegelt sich in Werbeanzeigen für Erzeugnisse, Waren und Dienstleistungen wider.

Zeitungsberichte aus dem Gründungsjahr der Freiwilligen Feuerwehr und den folgenden Jahren beschreiben Ereignisse, die die Bewohner des Sietlandes damals beschäftigt haben und die teilweise bis heute ihre Aktualität nicht verloren haben.

Die Bedeutung fester Straßenverbindungen wird in vielen Berichten deutlich. Die Fertigstellung der Straße von Steinau nach Odisheim wird in einem kurzen Artikel vom 17. November 1894 gewürdigt.

Die Verärgerung Ihlienworther Bürger über fehlende befestigte Straßen nach Odisheim und Osterbruch beschreibt der damalige Ihlienworther Aktuar Döscher in einem Leserbrief unter der Rubrik »Sprechsaal«.

In zahlreichen Zeitungsartikeln wurden die Probleme der fast jährlichen Überschwemmungen und Maßnahmen zu ihrer Überwindung angesprochen. So konnte man am 19. Februar 1899 lesen:

In Berichten und amtlichen Schreiben aus früherer Zeit war von den Kirchspielen Oster- und Wester-Ihlienworth die Rede. Die Grenze zwischen den beiden Kirchspielen war die Medem. Beide Kirchspiele hatten einen eigenen Schultheißen (Bürgermeister). Der Schultheiß war der Leiter der örtlichen Verwaltung und gleichzeitig Vorsitzender Richter im Kirchspielgericht. Im Gründungsjahr der Freiwilligen Feuerwehr bekleideten Christian Hottendorf in Oster-Ihlienworth und Heinrich Rüther in Wester-Ihlienworth diese Ämter. Im Jahre 1937 wurden aufgrund einer Verfügung des Landrates beide Kirchspiele zur Gemeinde Ihlienworth mit einem Bürgermeister zusammengelegt.

© by S.Stüve 15.01.02
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