|
Die Küstenzone der sogenannten Hadler Bucht - ein geologischer Terminus - hat
bekanntlich in prähistorischen Zeiten eine Abfolge von Überflutungs- und
Rückzugsphasen des Meeres und dadurch bedingt die Anlage von Siedlungen sowie deren
Räumung erfahren, und umgekehrt. Um Christi Geburt verlief die Elbuferlinie südlich
des späteren Otterndorf bogenförmig von der Stelle des späteren Belum bis zu einem
Punkt, wo nachmals Lüdingworth entstand. Die Medem mündete auf der Höhe von
»Neuenkirchen«, und dort war die Siedlungsdichte während der ersten nachchristlichen
Jahrhunderte besonders groß. Verursacht wurde das durch die geologischen bzw.
topographischen Gegebenheiten.
Je nach Geländebeschaffenheit und Höhe des Wasserspiegels von Meer und Flüssen
wurden die Siedlungen an Hochufern, einfach im flachen Gelände oder dort als
Wurtsiedlungen angelegt. Nur läßt sich dies für den Bereich von Ihlienworth bisher
eben nicht nachweisen, so daß dessen belegbare Geschichte erst mit dem
Hochmittelalter beginnt.
Nicht nur die Archäologen, sondern auch die Historiker tun sich mit den Anfängen
von Ihlienworth schwer. Das hat abermals etwas mit der ungünstigen Quellenlage zu
tun, die sozusagen automatisch zu mancherlei Spekulationen und Phantasiegebilden
Anlaß bot und noch bietet. Bei Sichtung des einschlägigen Schrifttums stößt man auf
mancherlei Vermutungen und lokalpatriotisch motivierte Auslassungen. Mit Recht macht
der Archäologe auf die Ungunst der Lage Ihlienworths, was die dortigen
Siedlungsmöglichkeiten anging, aufmerksam. Und es ist wohl nicht nur Zufall, wenn
innerhalb des breiten Marschengürtels für den landeinwärts und tiefer gelegenen
Bereich - später »Sietland« genannt - die Quellen der Geschichte weniger reichlich
fließen, daß sie später fließen.
Der »Uferwall« der Hochlandszone in den Marschen bot eben bessere und frühere
Besiedlungsmöglichkeiten als die angrenzenden Flächen, die nur auf Meereshöhe, z.T.
sogar darunterliegen und deshalb »vernäßt« und schwer zu entwässern sind. Damit wird
zugleich die Grundkonstellation, das Dauerproblem von Ihlienworth angesprochen. Und
es ist selbstverständlich, daß es im landeskundlichen Schrifttum im Zusammenhang mit
Ihlienworth stets anklingt.
Angesichts des Fehlens einer gesonderten wissenschaftlichen Ortsgeschichte wird der
Interessent sich zweckmäßigerweise zunächst an die Ortsbeschreibung im amtlichen
Kunstdenkmalinventarband halten. Dort liest er dann: »Landgemeinde im Hadler
Sietland ca. 9 km südlich von Otterndorf. 1939 1685 Ew., 1953 2785 Ew.
Im Mittelalter zwei durch die Aue getrennte Gerichtsbezirke, das Emmelke- und das
Goeßel (= Gösche) Gericht, aus denen sich im 16. Jahrhundert die Kirchspiele Wester-
und Oster-Ihlienworth entwickelten, die 1937 zu einer Gemeinde vereinigt wurden.
Wester-Ihlienworth: 1791 184 Feuerstellen; 1858 214 Wgb. 1208 Ew.
Oster-Ihlienworth: 1791 91 Feuerstellen; 1858 123 Wgb. 719 Ew.
Die Dorfwurt mit der St. Willehad geweihten Kirche ist wohl die älteste Siedlung im
[Hadler] Sietland. Sie war stets dessen Hauptort, dort befand sich unter einer Linde
die Dingstätte der '5 Kirchspiele'. Etwa 1/2 km nordöstlich von der Kirche liegt die
Wurtensiedlung Dreihausendorf. Die Kirchspielteile Hasendorf, Westerteil, Mittelteil
und Medemstade in Wester-Ihlienworth sowie Siedenteil, Mislag und Straßdeich in
Oster-Ihlienworth sind Reihensiedlungen, z.T. ehemalige Moorkolonien... Die Kirche
wurde um 1230 der Obedienz Lamstedt der Bremer Kirche zugeteilt. Vor der Reformation
gab es in Ihlienworth fünf kirchliche Gilden... Nach der Reformation bestanden noch
eine zweite Pfarrstelle..., die seit 1917 nicht besetzt ist, und eine dritte..., die
1812 aufgehoben wurde. 1598 wurde im Kirchdorf eine Schule gegründet.«
Dem regionalen Adreßbuch aus dem Jahre 1926 lassen sich einige Ergänzungen entnehmen.
So heißt es dort von Oster-Ihlienworth: »Kirchspiel, Amtsgerichtsbezirk Otterndorf.
633 Einwohner. 172 Wohnhäuser. Areal 1424,84 Hektar. Nächste Eisenbahnstation
Otterndorf, der Reichsbahn Hamburg-Cuxhaven. Öffentliche Fernsprechstelle bei der
Postagentur... Sitz eines Arztes und einer Apotheke. Die politischen Gemeinden
Oster- und Wester-Ihlienworth bilden eine Kirchengemeinde und sind außerdem zu einem
Gesamtschulverband zusammengeschlossen.« Über Wester-Ihlienworth heißt es u.a.:
»Zwei Ströme, die Aue aus dem Bederkesaer See kommend, und die Emmelke, vereinigen
sich hier zu dem Medemflusse. Kirchspiel. Amtsgerichtsbezirk Otterndorf. 1187
Einwohner. 300 Wohnhäuser. Areal 2559,14 Hektar... Post- und Telegraphenstation.
Posthilfsstelle in Medemstade. Öffentliche Fernsprechstelle[n]... Oberlandjäger...
Kirchenvorstand: Besteht aus dem Pastor, zwei Schultheißen, drei Juraten und drei
Leviten. Schulen: Eine dreiklassige im Kirchort, eine zweiklassige in Westerende und
eine einklassige in Medemstade. ... Die Gemeindevertretung besteht aus dem
Schultheißen, 3 Landschöpfen und 6 Gevollmächtigten.«
Bei einem Vergleich der Adreßbuch-Zahlen mit den entsprechenden Zahlen des vorigen
Jahrhunderts fällt auf, daß innerhalb eines Dreivierteljahrhunderts zwar die
Gebäudezahl im Ort bzw. in beiden Orten deutlich zunahm, die Einwohnerzahl hingegen
rückläufig war. Struktur- und Wirtschaftsprobleme waren der Grund für diese
Erscheinung, die sich auch durch die Folgen dieser Probleme, nämlich Aus- und
Abwanderung, sowie zeitweiligen Geburtenrückgang bemerkbar machten.
Selbstverständlich war dies eine Entwicklung, die sich in der gesamten Region
abzeichnete und keineswegs auf Ihlienworth beschränkt blieb.
Ein nicht unerheblicher Teil der Gemeindegeschichte wird durch die Bestände des
Gemeindearchivs belegt. Der Lauf der Zeiten hat hier mancherlei schmerzliche
Verluste bewirkt; zudem setzt die Überlieferung erst mit dem siebzehnten Jahrhundert
ein. Trotzdem sagen die Rubriken im Ihlienworther Archivfindbuch sehr viel über
Eigenart und Entwicklung des Ortes, über seine speziellen Schwierigkeiten und
Bedürfnisse aus.
Sein und Werden der Sietlandgemeinde Ihlienworth werden durch diese Rubriken
skizziert, stichwortartig angedeutet. Etwa so: Hoheitsdienste und -gefälle (u.a.
Zehnten), Ablösung, später Steuern; Militärsachen und Einquartierung; Dienstboten;
Deich-, Strom- und Uferbau, Sturmfluten, Entwässerung, Schleusen, Siele, Brücken
und Stege; Kanäle, Wettern, Wasserläufe; Wegebau und (seit dem späten neunzehnten
Jahrhundert erst) Straßenbau; Landwirtschaft; Kirche und Schule; Gemeindliche
Selbstverwaltung; Armenwesen. Leise klingt hier an, daß man im Hadler Sietland bis
weit in das vorige Jahrhundert hinein sich während eines Großteiles des Jahres,
wenn die Landwege nicht befahrbar waren, auf dem Wasserweg, d.h. auf Flüssen und
breiten Gräben (Wettern) in flachen Kähnen, den »Flöten«, bewegte. Mochte der Anlaß
nun rein persönlicher Art, bis hin zum Einkauf, zum Kirchen- und Schulbesuch sein,
oder ob es um den Transport von Handelsgütern, nicht zuletzt der Landwirtschaft,
ging. Und daß die örtliche Topographie Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesundheit
der Einwohner hatte, läßt sich den Stichworten ebenso entnehmen. Die schon
angesprochene Ungunst der geographisch-topographischen Lage ist eben nicht zu
übersehen, die Hydrographie erklärt hier, wie Otto Schlag vor nunmehr fast acht
Jahrzehnten in seiner grundlegenden geographischen Abhandlung über das Hadler
Sietland ausführte, vieles.
Dem Laien will es nicht in den Kopf, daß der Historiker für frühe Zeiten oft nicht
mit exakten Angaben aufwartet und allenfalls Hypothesen bereithält. Nur muß
Wissenschaft sich eben an gesicherte Fakten und Belege halten, überprüfbar sein und
sich nicht von Wunschvorstellungen oder Prestigebedürfnis leiten lassen. So gesehen
ist schon das Ihlienworther Ortswappen aus dem Jahre 1938, samt Begründung, nicht
unbedenklich. Beweiskraft für die Anfänge des Ortes kann es nicht haben. Wie schon
dargelegt, ist der Historiker hier, mangels Quellen, in einer kaum besseren
Situation als der Archäologe. Wieder dürfte der einschlägige Text des amtlichen
Kunstdenkmalinventarbandes die Grundkonstellation und Situation zutreffend
kennzeichnen. Dort heißt es in diesem Zusammenhang:
»Die planmäßige Kolonisation der Marsch scheint im 11. oder 12. Jahrhundert erfolgt
zu sein. Es wurden Deiche an der Elbe, der unteren Oste, der Medem und der Aue
angelegt... Es scheint aber, daß einzelne dieser Deiche erst verhältnismäßig spät
gegen das Binnenwasser errichtet worden sind. Die Eindeichung und die damit
untrennbar verbundenen Entwässerungsarbeiten, die Anlage eines Grabensystems und
der Bau von Schleusen sind höchstwahrscheinlich von den Herzögen von Sachsen und
den Erzbischöfen von Bremen veranlaßt worden. Auch die Grafen von Stade und
zahlreiche Adelsgeschlechter... scheinen beteiligt gewesen zu sein. Bei der
Kolonisation sind Holländer als Siedler herangezogen worden, da sie seit langem
Entwässerungsarbeiten kannten. Ihre Spuren lassen sich in Hadeln... feststellen.
Das Landschaftsbild der bei der Eindeichung besiedelten Marschen ist bis heute
durch die damals angelegten großen langgestreckten Reihen- oder Strichdörfer und
die regelmäßige Marschhufenflur mit den langen schmalen Streifen zwischen Gräben
geprägt. Die Gehöfte der Dörfer liegen stellenweise so weit voneinander, daß sie
als Einzelhöfe wirken. Die schon vor der Kolonisation angelegten Dörfer an den
Flußufern zeigen noch heute Blockfluren. Da die Marschbauern meist freie Eigentümer
ihres Landes waren und die Wasserbauten nur gemeinsam vorgenommen werden konnten,
haben sie besondere Formen der bäuerlichen Selbstverwaltung entwickelt. Die
Wasserbauten sind seit ihrer Anlage natürlich im Laufe der Zeit wesentlich
vervollkommnet worden. Die Deiche war ursprünglich niedrig und hielten größeren
Sturmfluten nicht stand. Wenn sie brachen, richteten Überschwemmungen größten
Schaden an... Bereits 1219 erteilte der Herzog Albert von Sachsen den
Marschbewohnern in Hadeln das Recht, Schleusen in der Medem anzulegen. Es geschah
damals bei Neuenkirchen. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts sind drei
Schleusen für die Mündungsarme der Medem [bei Otterndorf] erbaut worden...
Jahrhundertelang haben die niedrig gelegenen Ländereien im Sietland sehr unter
Überschwemmungen zu leiden gehabt... Da das Flußbett der eingedeichten Flüsse durch
Aufschlickung allmählich immer höher geworden ist, reichte die natürliche
Entwässerung durch Schleusen bei Ebbe nicht mehr aus. Es sind daher... Schöpfwerke
erbaut worden... Die Siedlungen im Hadler Sietland sind z.T. schon im Mittelalter
als Moorkolonien angelegt und in der Neuzeit wesentlich erweitert worden... Der
Haupterwerbszweig ist die Landwirtschaft geblieben... in der Marsch Weizen und
Hafer... Grünland [mit] Viehzucht, Milchwirtschaft und Weidemast... Pferdezucht...
[Neuerdings] hat sich der Obstbau sehr ausgebreitet, Handwerk, Handel und Gewerbe
dienen größtenteils der Versorgung der Landwirtschaft oder der Verwertung der
landwirtschaftlichen Erzeugnisse.«
Bis heute läßt man die schriftlich bezeugte Geschichte Ihlienworths gern mit dem
Jahre 1139 beginnen und richtet danach auch Jubiläumsfeiern aus. So geschehen im
Jahre 1939 und jetzt wieder im laufenden Jahr 1989. Nur mühsam und gegen viele
Widerstände setzt sich die wissenschaftlich begründete Erkenntnis durch, daß diese
Datierung höchst zweifelhaft ist. Es geht um eine vom Bremer Erzbischof Adalbero
ausgestellte Urkunde, mit der die Gründung des Klosters St. Paul bei Bremen
bestätigt wird. Seit dem grundlegenden Aufsatz des prominenten Gelehrten und
Sachkenners Prof. Dr. Bernhard Schmeidler, 1940 veröffentlicht, muß diese Urkunde
als »fälschende Erneuerung einer ursprünglichen, echten Gründungsurkunde« angesehen
werden, wobei die Änderungen und Zusätze wohl in die zweite Hälfte des zwölften
Jahrhunderts zu datieren sind. Dies würde bedeuten, daß Ihlienworth seit dieser
Zeit unter diesem oder einem ähnlichen Namen nachgewiesen ist - wenn nicht im Falle
Ihlienworths noch weitere wissenschaftliche Zweifel hinzukämen. In der genannten
Urkunde aus dem Fundus des Bremer Staatsarchivs, die derzeit noch - als Kriegs- bzw.
Nachkriegsfolge - in Moskau verwahrt wird, ist bei der Aufzählung der Güter und
Zehnten von »Illingstede« und »Illinstede« die Rede. Ist das wirklich Ihlienworth?
In jüngster Zeit plädieren spezialisierte Wissenschaftler dafür, hinter dieser
Nennung die Wüstung Indigstedt im Wurster Kirchspiel Midlum zu vermuten. Wenn dies
zutrifft, kommt also die genannte Urkunde - unabhängig von den Zweifeln an ihrer
Echtheit - überhaupt nicht als Beleg für die Anfänge Ihlienworths in Frage.
Sicheren Boden betreten wir mit der Stiftungsurkunde des Bremer Erzbischofs Hartwig
II. für das Nonnenkloster Osterholz aus dem Jahre 1185. Dort wird ein »Ellingwerth«
genannt, wo eine Holländerhufe und der Zehnte dem Kloster zufielen. Genau war dies
in Amlake, demnach Wester-Ihlienworther Gebiet. Damit handelt es sich in etwa um
denselben Zeitraum, der für die vielen anderen in der abgeänderten Urkunde von
1139 (?) genannten Ortschaften usw., deren Identität dort nicht zweifelhaft ist,
als gesichert gelten kann. Diese sind zudem als Siedlung in der Regel viel älter,
wie z.B. das benachbarte Wanna. Man sollte deshalb nicht immer wieder und
unzutreffend die meistens zufällige erste schriftliche Namensnennung als
»Geburtstag« bezeichnen. Übrigens sind beide hier erwähnte Urkunden in lateinischer
Sprache abgefaßt und im Wortlaut oder in gekürzter und übersetzter Fassung mehrfach
in sogenannten Urkundenbüchern seit den Zeiten des geschichtsfreudigen neunzehnten
Jahrhunderts veröffentlicht worden.
Eines der wichtigsten Ereignisse in der Frühzeit von Städten und Gemeinden oder auch
nur Siedlungen mit Zentralfunktion ist in der Regel die Gründung der örtlichen
Kirche. Nun gibt es aber über die Gründung der Kirchen im ehemaligen Lande Hadeln
leider keine urkundlichen Nachrichten. Es spricht einiges dafür, daß ursprünglich
ganz Hadeln zum Kirchspiel Altenwalde gehört hat. Die Zugehörigkeit der Ihlienworther
Kirche zur Obedienz Lamstedt besagt nicht, daß sie früher zum Kirchspiel Lamstedt
gehörte, von dem sie durch unwegsame Moorgebiete getrennt wurde. Der Oberlauf der
bei Lamstedt entspringenden Gösche, des einen der MedemQuellflüsse, war auch in
frühgeschichtlicher Zeit als Wasserweg ungeeignet.
Die St. Willehad geweihte Kirche in Ihlienworth gilt als die älteste in der Hadler
Marsch. Und möglicherweise steckt in dem Ortsnamen ein Personenname; für das Alter
der Kirche lassen sich daraus jedoch keine Anhaltspunkte gewinnen. Der jetzige
Kirchenbau entstand Anfang des dreizehnten Jahrhunderts, und urkundlich wird die
Kirche eben erst um 1230 genannt. Wie der langjährige Hadler Kreisarchivar und
Landeskundler Wilhelm Lenz ausführte, fehlen zumindest die Beweise für ein höheres
Alter der Kirche. Er meinte auch, daß die an sich unwahrscheinliche Stiftung einer
Pfarrkirche in einem kaum besiedelten Gebiet im Falle Ihlienworths doch denkbar sei,
weil hier im zehnten und elften Jahrhundert gegenüber den damals aktuellen
Normannenangriffen mehr Sicherheit bestand als auf einer der Elbe näheren Wurt.
Ungewiß ist auch, welche Teile der Hadler Marsch anfangs zum Ihlienworther
Kirchspiel gehörten.
Sicher wurde die Ihlienworther Dorfwurt vor der Eindeichung angelegt; nur Grabungen
werden genauere Aussagen hierzu erlauben. W. Lenz schloß eine vor- und
frühgeschichtliche Besiedlung dieser Wurt nicht aus. Neben ihr und der
Wurtensiedlung Dreihausendorf sind im Kirchspiel Ihlienworth nur Reihensiedlungen,
die es vor der Eindeichung nicht gegeben haben kann. Im Mittelalter gehörten
Altenwalde und die wahrscheinlich von seinem Gebiet abgeteilten Kirchspiele zum
Synodalsprengel des Archidiakons von Hadeln und Wursten. Nach der Reformation, also
in nachkatholischer Zeit bildete das Land Hadeln eine besondere Landeskirche mit
zehn Kirchen und insgesamt 26 Geistlichen. Alle kirchlichen Angelegenheiten wurden
in den Kirchspielen von den Kirchenprovisoren-Kollegien behandelt, die aus dem
Kirchspielsgericht (d.h. Schultheiß und Landschöpfen), den Gevollmächtigten der
einzelnen Kirchspielsteile, den Juraten (kirchlichen Rechnungsführern) und Leviten
(Armenvorstehern) bestanden; die Geistlichkeit gehörte nicht dazu. Mit der
Reformation erhielten die Hadler Kirchspiele auch das Patronat, das sie bis in das
zwanzigste Jahrhundert behielten.
Zur Charakterisierung der rechts- und verfassungsgeschichtlichen Entwicklung gibt
man am besten wieder dem spezialisierten Fachmann das Wort. In diesem Falle ist es
Hermann Uwe Dettmer. Er führt u.a. aus: »Bei den ... Kirchspielen ... lag das
Schwergewicht der Zuständigkeiten innerhalb der Hadler Ständeverfassung. Von hier
als der Urzelle hatte die Entwicklung seit dem späten Mittelalter ihren Ausgang
genommen. Seit der Kolonisierung Hadelns waren sie die organisatiorische Grundlage
für die Gerichtsbarkeit, die Verwaltung und das örtliche Deichwesen gewesen... Die
Verknüpfung der ständischen Ortsrepräsentation der Kirchspiele... mit den Organen
der drei Landstände und denen des Gesamtterritoriums ist ganz offensichtlich... Das
später sog. Sietland als der 2. Stand umfaßte 5 Kirchspiele, nämlich Wester- und
Oster-Ihlienworth, Steinau, Odisheim und Wanna... Als das führende Organ des
Kirchspiels und als ständische Obrigkeit für die Kirchspielsbewbhner wirkte das
Kirchspielsgericht. Es war besetzt mit einem Schultheißen und 2 bis 4 Landschöffen,
die alle ihr Amt auf Lebenszeit und ehrenamtlich bekleideten und die aus dem Kreise
der grundbesitzenden führenden Familien des Kirchspiels zu kommen pflegten... Der
Schultheiß [war] Leiter der örtlichen Verwaltung..., Vorsitzender Richter im
Kirchspielsgericht... für die umfangreichen Aufgaben in Verwaltung und Justiz ein
Kirchspielschreiber beigegeben... Die Besetzung der Ämter des Schultheißen, der
Landschöffen... erfolgte auf der Grundlage der herzoglichen Wahlordnung... im Wege
der Kooptation, d.h. der Selbstergänzung... Die Basis der Beteiligung an
Verwaltungsangelegenheiten war durch die Einrichtung der Gevollmächtigten, die
bereits Ende des 16. Jahrhunderts erwähnt werden, ... erweitert... Die außerhalb
dieser engeren Kreise stehenden Kirchspielsbewohner waren von der unmittelbaren
Mitwirkung in öffentlichen Angelegenheiten ausgeschlossen.«
Dies alles war somit auch die Verfassungswirklichkeit von Ihlienworth, und ohne
Kenntnis dieser Gegebenheiten ist dessen Entwicklung und Ortsgeschichte nicht zu
verstehen. Dasselbe gilt für seine Teilhabe an der Geschichte des Sietlandes. So
etwa an der Bremer Pfandherrschaft, der die »Fünf Kirchspiele« während des
fünfzehnten Jahrhunderts zeitweise unterlagen, weil die Landesherren, die Herzöge
von Sachsen-Lauenburg, diesen Landesteil an den Rat der Stadt Bremen verpfändet
hatten. Bederkesa hatte dasselbe Schicksal. Anfang des Jahrhunderts war das spätere
Sietland zusammen mit dem Hadler Hochland, den »Sieben Kirchspielen« am Elbufer, an
Hamburg verpfändet gewesen, das das Hochland noch länger behielt.
Noch eine frühe urkundliche Nennung der Ortsbezeichnung »Amlake« - die sich bis
heute im Flußnamen »Emmelke« erhalten hat - ist überliefert. Im Jahre 1207
schenkte der Bremer Erzbischof Hartwig II. dem Domkapitel den Zehnten von 30 Hufen
in Amlake. Den Zehnten über 22 1/2 Hufen in Oster-Ihlienworth besaß jedoch seit dem
Mittelalter der Herzog. Zwar dienten die Zehnten ursprünglich dem Unterhalt der
eigenen Kirche und ihrer Geistlichen, doch gerade für Ihlienworth lassen sich keine
Zehnten an die örtliche Kirche belegen. Auch den Gänsezehnten in Ihlienworth besaß
der Herzog, dessen Oster-Ihlienworther Hockenzehnten wohl zunächst das ganze
Ackerland dieses Kirchspiels betraf. Aus Wester-Ihlienworth wurde Zehnthafer an den
Herzog bzw. seinen Amtmann in Otterndorf geliefert; aus beiden Ihlienworther
Kirchspielen forderte der Herzog außerdem den Schmalzehnten ein, der für Lämmer,
Kälber und Fohlen zu entrichten war - teils in Geld, teils durch Ablieferung von
Jungtieren. Es gab auch einen Butterzehnten und im Mittelalter in allen Hadler
Kirchspielen auch Zehnte in Privatbesitz. Erst mit der hannoverschen
Ablösungsordnung von 1833 kam allmählich das Ende der Zehnten.
Im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert wird der Ortsname »Hilgewurd«
geschrieben, aber schon um 1230 liest man »Ilingiworth«. Dieser traditionell
wichtigste Ort des Hadler Sietlandes ist, wie der Ortschronist Gerhard Gerdts
1939 in seiner leider durch mancherlei Zutaten aus der zeitgenössischen Ideologie
verunstalteten, ansonsten aber nicht unbrauchbaren Ortsgeschichte richtig
feststellt, »nicht gerade reich an großen Zügen oder an bewegenden Ereignissen«.
Große Geschichte hat hier kaum stattgefunden. Die geographisch-geologische Lage und
der daraus resultierende Zuschnitt der Gemeinde erlaubten das nicht. Andererseits
hat ein so weit zurückreichendes und individuell geprägtes Gemeinwesen
selbstverständlich immer den Bewohnern und Betrachtern als ein Mikrokosmos gelten
können. Ebenso selbstverständlich mischten sich Eigenleben von Ihlienworth und
Sietland mit der Einbindung in die allgemeine Entwicklung, das allgemeine Geschehen
über die Region hinaus.
Zu den Pfarrstellen gehörte Landbesitz, der teilweise aus der Zeit der Fundation
der Kirchen stammte. In Ihlienworth war der Landbesitz der 1. Pfarrstelle (»Wedem«)
im siebzehnten Jahrhundert 24 (Radler) Morgen groß; hinzu kam Meierland. Die 2.
Pfarrstelle (Vikarie Unserer lieben Frauen) hatte 26 Morgen und die 3. (Vikarie des
Heiligen Kreuzes) 10 Morgen - wobei 1 Hadler Morgen 1,6 Hektar entsprach. Meistens
bewirtschafteten die Geistlichen das Land selbst, durch Knechte; manchmal
verpachteten sie es. Durch Stiftungen wurden die Einkünfte der Pfarrstellen im
Laufe der Jahrhunderte verbessert, während die festen Geldeinkünfte einer
schleichenden Entwertung unterlagen. Ein Ausgleich ergab sich durch das Aufkommen
von Gebühren für Amtshandlungen. Die »Akzidenzien« wurden zu einem wesentlichen
Einkommensbestandteil. In protestantischer Zeit hatte das Sietland lange einen
eigenen Superintendenten. Einer von ihnen war der Vater des Ihlienworther
Landarztes, Schriftstellers und Antisemiten Gustav Stille. Superintendent Werner
Ludwig Stille verstarb 1882.
Gerhard Gerdts macht darauf aufmerksam, daß das Ihlienworther Schulwesen, wie das
der benachbarten Kirchspiele, bis in das vorige Jahrhundert hinein keinen guten
Standard hatte. Zumal die Streusiedlungen am Rande der Gemarkung, mit ihren Winkel-
und Winterschulen, waren in schulischer Hinsicht schlecht versorgt. Die Hauptschule
im Zentrum ist 1598 nachgewiesen. 1845 bestand daneben eine Schule im Westerende;
später kamen zu der mehrklassig gewordenen Hauptschule außerdem noch die
einklassigen Schulen in Medemstade und im Mislag.
Die Kriege des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts hinterließen auch in
Ihlienworth ihre Spur. Aber auch in Friedenszeiten kam es hier immer wieder zu
schweren Schäden durch Sturm, Blitzschlag, Feuersbrunst und Hochwasser. Selbst
der in vieler Hinsicht bedeutsame Bau des 1854 fertiggestellten Hadler Kanals
löste das Überschwemmungsproblem nicht endgültig. Erst die Anlage von Schöpfwerken,
also Pumpstationen, in unserem Jahrhundert befreite nachhaltig von der Drohung und
Plage durch das überflutende Wasser. Der Bau fester und breiter Straßen setzte
Kanal und Pumpstation voraus. Wenn Landwirtschaft und vornehmlich Viehzucht das
Erwerbsleben der Ihlienworther Bevölkerung bestimmten, dann läßt sich leicht
ausmalen, wie sehr sie durch kriegerische Einwirkung und durch Witterungsungunst,
mit Überschwemmungen und Mißernten, oder auch durch Sturm, Blitzschlag und Feuer
beeinträchtigt wurde. Gute Erntejahre und -preise gereichten zum Vorteil.
Der Siebenjährige Krieg (1756 - 63) und die Franzosenzeit zu Beginn des neunzehnten
Jahrhunderts erlegten auch Ihlienworth schwere Lasten auf. Für letztere mögen, als
kennzeichnende Stichworte, Abgaben, Fuhrleistungen, Schanzarbeiten, Einquartierung
und Rekrutierung genannt sein. Auch Ihlienworther kamen in Napoleons Kriegen zu
Tode, als Zwangsteilnehmer seiner Feldzüge. Wie in späteren Kriegen, gab es auch
Vermißte - damals als »verschollen« bezeichnet, die etliche Jahre danach von Amts
wegen für tot erklärt wurden.
Zur tradierten Landwirtschaftsstruktur Ihlienworths gehörte nicht nur das
Zehntwesen, sondern es gab auch die Grundhauer, eine meistens unablösliche
Reallast. Die sich daraus ergebenden Geldleistungen waren meistens an die
Kirche zu entrichten. Das für Hadeln untypische und seltene Meierrecht kam
in Ihlienworth zur Anwendung: im Mittelteil von Westerende-Ihlienworth hatten
die sog. Gehrenmeier Meierpflichten an den Landesherrn oder an die Kirche zu
leisten. Nutznießer war auch der ehemals herrschaftliche Goeshof in Oster-
Ihlienworth. Vielhundertjährige Tradition hat ferner die einstige Windmühle
in Oster-Ihlienworth; später kam eine im Westerende hinzu.
Bis zur Anlage fester, ganzjährig benutzbarer Straßen vor hundert Jahren hatte
das Hadler Sietland und mit ihm Ihlienworth ein naturbedingtes Eigenleben, das
bis zu einem gewissen Grade dem von Inselbewohnern glich - mit den entsprechenden
wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und volkskundlichen Auswirkungen. Heinrich
Rüther, Pastor und Geschichtsschreiber, Kenner von Land und Leuten, hat es so
beschrieben:
Das Hadler Sietland »hatte wegen der niedrigen Lage und des damit verbundenen
hohen Wasserstandes immer seine großen Sorgen und Nöte. Es war von den Dörfern
auf der Geest durch die Moore fast getrennt und pflegte wenig gesellschaftlithe
Beziehungen mit ihnen. Hatte auch wenig Familienverbindung zu den Leuten des
Hochlandes. So hat sich hier unter den Bewohnern des Sietlandes eine eigenartige
seelische Haltung herausgebildet... Wenn man... zur Herbst- oder Winterzeit, wo
wochenlang, ja oft monatelang, das Wasser über die Gräbenufer getreten war, ja
Seen bildete, aus denen nur die Hausworthen mit ihren Hofstätten und Häusern und
die Bäume herausguckten, ins Sietland auf kleinen Kähnen hineinfuhr, so empfand
man nicht bloß Mitleid mit dem... Menschengeschlecht, das hier hausen mußte...
der Schultheiß, meist ein größerer Bauer, der sein Kirchspiel leitete und darin
Recht sprach, der an der Verwaltung des Landes Hadeln und an seinem Gerichte
teilnahm, der fuhr seinen mit Torf beladenen Kahn auf der Medem nach Otterndorf
und trug eigenhändig den Torf auf den Boden des Kunden... vom großen Bauer bis
zum einfachen Arbeiter... spielte der Standesunterschied keine solche Rolle, wie
etwa im Hochlande... Betteln von Haus zu Haus bedeutete in früheren Zeiten keine
Schande, und geizige Bauernfrauen waren eine Seltenheit... in dem niedrigen Lande,
wo das Wasser manchmal die ganze Ernte vernichtete, wo die graue Sorge ums
tägliche Brot viele Häuser heimsuchte, wo fast jedes Jahr der Verkehr auf dem
Wasser einzelne Kinder und Erwachsene ertrinken ließ, da war die nachbarliche Hilfe
geboten und wurde fast ausnahmslos geübt... [war] es für fleißige und strebsame
Menschen aus den unteren Ständen leichter, sich emporzuarbeiten... Besonderheit
des Sietlandes... die unheimliche Gabe des Hellsehens...«
Nach alledem ist es nur konsequent und kann nicht überraschen, daß die Bevölkerung
des Hadler Sietlandes traditionell politisch konservativ ausgerichtet ist und sich
bei Wahlen entsprechend verhielt. Gemeinsame Geschichte, gemeinsames Schicksal und
die vergleichsweise geringe Bedeutung von Standesunterschieden mußten das bewirken.
Freilich, was 1939 in Ihlienworth als Ortsjubiläum dargeboten wurde, hatte nicht
nur mit der örtlichen Geschichte und einem mittlerweile zweifelhaft gewordenen
Datum zu tun, sondern war vor allem Parteiveranstaltung - Selbstdarstellung der
damaligen und allmächtigen Staatspartei. So oder ähnlich hat man damals überall
in deutschen Landen gefeiert, oder hätte man es doch tun können. Mit Geschichte
und Geschichtspflege hatte das weniger zu tun, mit Forschung kaum. Deshalb machen
auch die damals entstandenen Gemeindewappen, z.B. die von Ihlienworth und Wanna,
nicht ganz glücklich.
|