Rund um's WasservonKarl Ropke |
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»Des Wassers Gewalt, des Schicksals Gestalt, sich ändern tut, drum seid auf der
Hut! Gott schütze die Marsch!«
Das neu entstandene Gewässer brachte zunächst eine erhebliche Erleichterung für das Sietland, da es die von der Geest herabströmenden Wassermassen abfing und diese sich nicht mehr im Sietland stauten. Nach der Fertigstellung des Hadler Kanals wurden die sogenannte Aue und praktisch über weite Strecken die Gösche niedergelegt, da sie mittlerweile wieder völlig verschlammt waren und eine Wiederherstellung schwierig und auch nicht notwendig war. Man hat damals im Verlauf der nächsten Jahre das Wetternsystem erheblich verbessert und konnte so für eine Reihe von Jahren - vom Wasser nur mäßig belastet - die Landwirtschaft, hier insbesondere den Ackerbau, verbessern.
Einige Jahrzehnte nach dem Bau des Hadler Kanals stellten sich jedoch die
alten schwerwiegenden Wasserverhältnisse wieder ein. Da das Land weiter
abgesackt war, sammelten sich im Sietlandbecken während der Winterzeit
und im Sommer wieder ungeheure Wassermassen. Der Entschluß wurde gefaßt,
die Entwässerung durch Maschinenpumpen in den Mittelpunkt weiterer
Überlegungen zu stellen. Das Wasserbauamt in Stade stellte 1909 einen
Entwurf zur künstlichen Entwässerung des Hadler Sietlandes auf. Dieser
Entwurf wurde von dem Regierungsbaumeister und späteren Ministerialrat
Stadermann aufgestellt und ging unter dem Namen »Stadermannscher Entwurf«
in die Geschichte ein. Eine Inangriffnahme dieses Projekts wurde
zunächst durch den 1. Weltkrieg verhindert. In der Folgezeit, in den
20er Jahren, war auch keine Möglichkeit gegeben, hier mit den Bauten
weiterzukommen.
Schöpfwerk Ihlienworth, erbaut 1928; links Zufluss der Emmelke, rechts Neuer Kanal Das Ihlienworther Schöpfwerk wurde gebaut am Zusammenfluß mehrerer großer Wettern mit der Medem. Es ist ein klassisches Stufenschöpfwerk, d.h. es nimmt die erste Schöpfstufe im Sietland, während in Otterndorf dann die zweite Stufe mit dem Großschöpfwerk in die Elbe erfolgt. Der Bau dieser Anlagen brachte dem Sietland, insbesondere auch Ihlienworth, den großen Vorteil (auch in niederschlagsreichen Zeiten) nicht mehr möglicher Überschwemmungen. Solange die Maschinen intakt waren, war keine Gefahr für die Bevölkerung gegeben. Nun war dieser Bau aber innerhalb der bäuerlichen Bevölkerung keineswegs unumstritten, denn Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre herrschte in der Landwirtschaft große Not. Die Leute hatten kein Geld und die Kosten, die das Schöpfwerk und das neue Entwässerungssystem brachten, gingen bei einer ganzen Reihe von Betrieben über die finanziellen Möglichkeiten hinaus. Es bildete sich insbesondere in Ihlienworth-Medemstade eine Gruppe von Landwirten, heute würde man sagen »Bürgerinitiative«, die massiv Front gegen das Projekt »Schöpfwerke« machte, und zwar einzig und allein mit der Begründung, man wäre in Zukunft nicht in der Lage, die finanziellen Mittel aufzubringen, um die Pumpkosten abzudecken. Dieser Streit zwischen den Gegnern und den ebenso zahlreichen Befürwortern dauerte noch viele, viele Jahre nach der Fertigstellung des Baues, und man hörte noch in den 40er Jahren das böse Wort, gerichtet gegen Befürworter des Schöpfwerkbaues: »Dat is ok son groten Pumper.« Wobei man nicht genau wußte, ob das Wasser- oder das Geldpumpen gemeint war.
Bedingt durch die Not des 2. Weltkrieges und die turbulenten Zeiten nach
dem 2. Weltkrieg war bis Ende der 50er Jahre eine starke Verschlammung
der Gewässer eingetreten. Ebenfalls hatten die Schöpfwerke unter der lang
andauernden schlechten Versorgungslage sehr gelitten.
© by S.Stüve
15.05.98
So stellt sich heute nun das Entwässerungssystem dar: Zentraler Hauptvorfluter ist nach wie vor der südlichste Teil der im Ortsbild Ihlienworth gelegenen Medem. Die Medem nimmt hier die Große Medemstader Wettern und die Moorwettern, die aus dem Mittelteil und Süderleda sehr große Wassermassen heranführt, auf. Im Ort selber mündet die Große Straßdeichwettern in die Medem und nördlich des Ortes der Neue Kanal mit der Siedenteiler Wettern, der Mislager Wettern und der Großen Odisheimer Wettern. Dieses Stromsystem gewährleistet für alle Zeit einen geregelten Zufluß und Ablauf des überschüssigen Regenwassers. Von jeher waren aber die Gewässer im Sietland nicht nur Kanäle zur rein mechanischen Abfuhr des Wassers, sondern sie dienten vielfältiger Benutzung. Da waren sie notwendig als Verkehrswege. Fast der gesamte Verkehr in den Winter-, Herbst und Frühjahrsmonaten spielte sich, soweit die Ströme nicht von Eis bedeckt waren, mit dem Kahn ab. Die Haupterzeugnisse Ihlienworths und des Sietlandes, nämlich Getreide und Torf, wurden auf dem Wasserwege nach Otterndorf befördert. Wieder hereingeholt wurden ebenfalls auf dem Wasserwege Baumaterial, Steine, Holz, alles, was sonst noch auf den Höfen und in den Häusern gebraucht wurde. Alle Brücken über die Gewässer und alle Schleusentore, also Schüttels, mußten so sein, das sie ohne Mühe unterfahren oder geöffnet werden konnten. In der Ortschaft Ihlienworth entstanden damals an der Medem mehrere Handelshäuser, die von den Bauern Getreide aufkauften, den Torfhandel vermittelten und dann wieder das, was man zum Leben brauchte, an die Leute verkauften. Leute, die nur kleine Lasten befördern wollten, benutzten sogenannte »Flöten«, kleine Boote, die vorwärts gestakt wurden oder die man mit dem Ruder »wriggen« konnte. Eine ganz wesentliche Nutzung spielte in früheren Jahren der Fischfang. Die große Gewässerdichte, viele Kilometer Gräben, bildeten eine hervorragende Kinderstube für alle möglichen Fischarten. Es gab einen enormen Fischreichtum und das Netzfischen, das Aalreusenstellen, das Angeln spielte bei der Bevölkerung des Sietlandes, insbesondere auch in Ihlienworth, eine große Rolle. In der Zubereitung von Fischen, beim Aalräuchern, waren die Sietländer große Künstler. Die großen Fischmengen, die gefangen wurden, bildeten eine wesentliche Ernährungsgrundlage für eine ganze Reihe von Bauern und Handwerkern in den damals im Sietlande gelegenen Dörfern. Es gab eine Unmenge, heute leider vergessener Fischrezepte; aber Vorsicht, die Sietländer fabulieren gern! Vor ein paar Jahrzehnten: Großer Fischzug in der Großen Medemstader Wettern. Es herrschte einiges Hallo. Es sammelten sich Passanten an. Als dann das Netz gezogen wurde und ein sehr alter, großer Hecht zum Vorschein kam, fragte ein naseweiser Zuschauer einen der Fischer: »Was machen Sie denn nun mit diesem großen Fisch?« Der antwortete dann: »Jo, ers ward de sölt und denn röukert wie emm und dann ward de kokt und wenn eh kokt ist, den brot wie emm und wenn he denn noch nich möhr ist, dann kriegt wie emm ünnen inn Grönenkohl.« Der Fischreichtum in den Gewässern zeigte, daß hier die Ökologie, wie man heute sagt, noch in Ordnung war und daß ein sehr großer vielfältiger Pflanzenbestand dort gewesen sein muß. In der heutigen Zeit lassen es sich Naturschutzverbände und Entwässerungsverbände wieder angelegen sein, dafür Sorge zu tragen, daß die biologischen Verhältnisse in Ordnung kommen. So findet man in der Straßdeichwettern wieder ein umfangreiches Biotop, gekennzeichnet durch große Vorkommen von weißen Seerosen, Teichrosen, Krebsscheren und der ganzen Palette von Uferpflanzen (Beet, Rohrkolben, Igelkolben usw.). Bis vor wenigen Jahrzehnten dienten die Ströme gleichzeitig als Abwasserkanal und zur Trinkwassergewinnung. Bei Niedrigwasser und im Sommer führte das oftmals zu schlimmen Infektionen der Bevölkerung. Die Berichte über Typhus und ruhrartige Erkrankungen aller Art in der Geschichte sind Legion. Noch vor wenigen Jahrzehnten, als noch keine zentrale Wasserversorgung vorhanden war, konnte man in einem Brief lesen, den ein Medemstader an seinen Sohn schrieb, der 1894 in Berlin bei den Soldaten diente: »Das Wasser in den Wettern steht niedrig. Bald wird lautes Klagen über schlechtes Wasser für Menschen und Tiere auf mancher Wohnstelle erschallen.« Diesem Übelstand wurde kurz vor dem Kriege durch den Bau einer zentralen Wasserversorgung im Ort Ihlienworth abgeholfen. Die Samtgemeinde beseitigte in neuerer Zeit die andere Seite des Übels: die Verschmutzung der Gewässer durch häusliche Abwässer. Ein neues Klärwerk mit zentralem Abwasserkanal wurde gebaut. Bis zur Jahrhundertwende nutzten die Bauern in Ihlienworth das Land fast ausschließlich als Ackerland. Wenn man heute durch das Land fährt, kann man sich kaum vorstellen, daß all die heute vorhandenen grünen Wiesen und Weiden bis dahin Ackerland gewesen sind. Diese Ackerwirtschaft hatte zur Voraussetzung, daß die Bodenfruchtbarkeit mit allen damals zur Verfügung stehenden Mitteln zu erhalten war. Das Hauptmittel dafür war das sogenannte »Kuhlen«. Es bedeutet, die gute Kleierde, die in 2 bis 4 Metern Tiefe und auch noch tiefer anstand, mit dem Spaten oder mit einer primitiven Maschine an die Oberfläche zu befördern und auf dem Lande zu verteilen. Darüber hinaus hatte dieses »Kuhlen« in den tiefer gelegenen Gebieten auch noch die Aufgabe, das Land um 10, 20 oder gar 30 cm höher zu machen, damit es im Winter auch aus dem Wasser schaute und die Möglichkeit bestand, Wintergetreide anzubauen. Die Erträge pro Hektar waren nach unseren heutigen Gesichtspunkten zwar nicht so sehr hoch, aber immerhin findet man in den Berichten doch Ergebnisse, die beim Hafer bis 40 Zentner und beim Weizen noch erheblich darüber hinaus reichten. Das war in der Relation Geld - Arbeitskraft ein sehr, sehr hoher Preis, mit Viehhaltung in der damaligen Zeit bei weitem nicht zu erreichen. So lohnte sich dann auch die sehr kostspielige Kuhlarbeit. Man unterschied zwei Maßnahmen, das »Kuhlen« aus dem Graben und das »Kuhlen« aus dem Lande. Das »Kuhlen« aus dem Graben konnte von Hand vorgenommen werden. Dabei warf der Kleigräber von unten mit dem Rawayer, einem Holzspaten, der mit Stahl beschlagen war, den Klei bültenweise nach oben zu dem sogenannten »Affsetter«, der mittels einer Holzschaufel diese Kleibülten dann weiter auf einen großen Haufen beförderte. Späterhin ging man daran und verteilte diesen Klei über das ganze Stück Land. Da in vielen Gebieten des Sietlandes - auch in Ihlienworth - der Klei nicht gut stand, d.h. die Böschungen leicht einstürzten, waren findige Köpfe darauf gekommen, eine einfache primitive Kuhlmaschine zu konstruieren.
Über den Graben wurde ein solides Wiederlager waagerecht ausgelegt, daran
ein Gestänge befestigt von etwa 7 Meter Länge. An diesem Gestänge konnte
mit einem Ritzel und einer Kammschiene ein sogenannter »Grabekasten« bis
zu 6 Meter Tiefe lotrecht heruntergekurbelt werden. Der Grabekasten wurde
dann an der Basis mittels eines Gestänges mit einer Klappe verschlossen
und die Erdsäule (40 x 40 cm Grundfläche) hochgedreht. Der oberste Teil
der Erdsäule, nämlich Schlamm und arger Klei, wurde mit dem Rawayer
wieder in den Graben zurückgeworfen, der untere Teil der Erdsäule,
nämlich der gute Klei, in eine Kipplore geladen und auf das Land
gefahren. Von Zeit zu Zeit prüfte man mit Salzsäure, ob der Klei
genügend Kalk enthielt, also gut war. 4 bis 5 Grabkästen nebeneinander
ergaben den sogenannten »Maschinengraben«, etwa 2 Meter breit. Ein
wahrhaft mühseliges Unterfangen; aber wenn die Kuhlarbeit geschehen war,
hatte man für etliche Jahrzehnte fruchtbares Ackerland gewonnen.
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