Rund um's Wasser

von
Karl Ropke

»Des Wassers Gewalt, des Schicksals Gestalt, sich ändern tut, drum seid auf der Hut! Gott schütze die Marsch!«
 
Diese Worte von Hermann Allmers stehen über der gesamten Geschichte des Wasserbaus im Sietland, insbesondere in Ihlienworth.
Der Ort Ihlienworth ist entstanden auf der südlichsten Wurth der Hadler Dorfwurtenreihe. Die erste Besiedlung ist zu datieren im 6. oder 7. Jahrhundert.
Die Art der Bebauung und die Anlage von Deichen oder primitiven Entwässerungsgräben ist nicht bekannt. Es bleibt hier somit nur Spekulation. Hinweise müssen einer vielleicht zukünftigen archäologischen Untersuchung überlassen bleiben.
 
Die planmäßige Erschließung des Gebietes der heutigen Gemeinde Ihlienworth ist im 12. Jahrhundert anzunehmen.
Die damalige Anlage einer Marschhufenbebauung war verbunden mit planmäßigen Entwässerungsmaßnahmen. Es wurden etwa drei holländische Ruten breite Flurstücke angelegt mit jeweils seitlicher Begrenzung durch Entwässerungsgräben, die ihrerseits in Wettern mündeten und diese Wettern dann in die natürlichen vorhandenen Gewässer, ehemalige Priele, wie die Medem, die sogenannte Aue, die sogenannte Emmelke, die Gösche und vielleicht in einen oder anderen Seitenpriel, der heute namentlich nicht mehr bekannt ist. Die Mündungen der Gräben bzw. der Wettern wurden dann jeweils - zumindestens zum Teil - mit sogenannten Schüttels, einfachen selbstschließenden Holztoren oder mit Stöpen, Wasserdurchlässen, die man auch mit einem kleinen Holzschott gegen zurückfließendes Wasser abdichten konnte, verschlossen.
 
Es entstand so ein kompliziertes Entwässerungssystem, das eine landwirtschaftliche Bebauung der Marsch ermöglichte. Im wesentlichen ist bis auf den heutigen Tag dieses Graben- und Wetternsystem erhalten geblieben, im Laufe der Jahrhunderte allerdings vervollkommnet, verbreitert und den jeweiligen Erfordernissen angepaßt worden.
 
Mit dem Ansteigen des Meeresspiegels, im Jahrhundert etwa 30 cm, wurde es im 15. Jahrhundert nötig, die Medem abzuschleusen, damit die täglichen Fluten nicht ins Land kommen und ein ordnungsgemäßer Ablauf des überschüssigen Wassers gewährleistet werden konnte. Außerdem wurde dadurch erreicht, daß während der Sturmfluten nicht das gesamte Land in Mitleidenschaft gezogen werden konnte. Mit dem Schleusenbau verbunden war allerdings eine Verlangsamung des Wasserzuges, was zur Folge hatte, daß es zu umfangreichen Ablagerungen von Schlick, Moor und Mutt kam, so daß die alten Hauptvorfluter, z.B. die Aue oder die Gösche, sehr bald ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen waren. Da diese Gewässer ursprünglich sehr tief gewesen waren und bis auf den Sand herunterreichten, war es in früheren Zeiten praktisch unmöglich, eine Reinigung von Hand vorzunehmen, so daß man sich über weite Strecken entschließen mußte, neben diesen natürlichen Gewässern Parallelkanäle, Parallelwettern anzulegen.
 
Im weiteren Verlauf der Geschichte stieg die Nordsee immer mehr an. Gleichzeitig kam es zu erheblichen Absenkungen des Geländes infolge der landwirtschaftlichen Nutzung und der Entwässerung. Das führte im Verlauf des 16., 17., 18. und in verheerendem Maße im 19. Jahrhundert zu wiederholten, nicht nur winterlichen Überschwemmungen mit totalen Ernteausfällen. Diese für die Bevölkerung unerträglichen Zustände sollten in der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch den Bau des Hadler Kanals abgemildert werden. In den Jahren von 1852 bis 54 wurde am Ostrand des Sietlands der Hadler Kanal fertiggestellt und im Jahre 1855 seiner Bestimmung übergeben.

Das neu entstandene Gewässer brachte zunächst eine erhebliche Erleichterung für das Sietland, da es die von der Geest herabströmenden Wassermassen abfing und diese sich nicht mehr im Sietland stauten. Nach der Fertigstellung des Hadler Kanals wurden die sogenannte Aue und praktisch über weite Strecken die Gösche niedergelegt, da sie mittlerweile wieder völlig verschlammt waren und eine Wiederherstellung schwierig und auch nicht notwendig war. Man hat damals im Verlauf der nächsten Jahre das Wetternsystem erheblich verbessert und konnte so für eine Reihe von Jahren - vom Wasser nur mäßig belastet - die Landwirtschaft, hier insbesondere den Ackerbau, verbessern.

Einige Jahrzehnte nach dem Bau des Hadler Kanals stellten sich jedoch die alten schwerwiegenden Wasserverhältnisse wieder ein. Da das Land weiter abgesackt war, sammelten sich im Sietlandbecken während der Winterzeit und im Sommer wieder ungeheure Wassermassen. Der Entschluß wurde gefaßt, die Entwässerung durch Maschinenpumpen in den Mittelpunkt weiterer Überlegungen zu stellen. Das Wasserbauamt in Stade stellte 1909 einen Entwurf zur künstlichen Entwässerung des Hadler Sietlandes auf. Dieser Entwurf wurde von dem Regierungsbaumeister und späteren Ministerialrat Stadermann aufgestellt und ging unter dem Namen »Stadermannscher Entwurf« in die Geschichte ein. Eine Inangriffnahme dieses Projekts wurde zunächst durch den 1. Weltkrieg verhindert. In der Folgezeit, in den 20er Jahren, war auch keine Möglichkeit gegeben, hier mit den Bauten weiterzukommen.
 
1928 wurde nach einem verbesserten Entwässerungsentwurf das Schöpfwerk in Ihlienworth errichtet, und zwar im Zuge der Hadler Gesamtkonzeption, d.h. in Verbindung mit dem Bau eines weiteren Schöpfwerkes in Nordleda und des großen Elbeschöpfwerkes in Otterndorf.

Schöpfwerk in Ihlienworth
Schöpfwerk Ihlienworth, erbaut 1928; links Zufluss der Emmelke, rechts Neuer Kanal

Das Ihlienworther Schöpfwerk wurde gebaut am Zusammenfluß mehrerer großer Wettern mit der Medem. Es ist ein klassisches Stufenschöpfwerk, d.h. es nimmt die erste Schöpfstufe im Sietland, während in Otterndorf dann die zweite Stufe mit dem Großschöpfwerk in die Elbe erfolgt. Der Bau dieser Anlagen brachte dem Sietland, insbesondere auch Ihlienworth, den großen Vorteil (auch in niederschlagsreichen Zeiten) nicht mehr möglicher Überschwemmungen. Solange die Maschinen intakt waren, war keine Gefahr für die Bevölkerung gegeben. Nun war dieser Bau aber innerhalb der bäuerlichen Bevölkerung keineswegs unumstritten, denn Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre herrschte in der Landwirtschaft große Not. Die Leute hatten kein Geld und die Kosten, die das Schöpfwerk und das neue Entwässerungssystem brachten, gingen bei einer ganzen Reihe von Betrieben über die finanziellen Möglichkeiten hinaus. Es bildete sich insbesondere in Ihlienworth-Medemstade eine Gruppe von Landwirten, heute würde man sagen »Bürgerinitiative«, die massiv Front gegen das Projekt »Schöpfwerke« machte, und zwar einzig und allein mit der Begründung, man wäre in Zukunft nicht in der Lage, die finanziellen Mittel aufzubringen, um die Pumpkosten abzudecken. Dieser Streit zwischen den Gegnern und den ebenso zahlreichen Befürwortern dauerte noch viele, viele Jahre nach der Fertigstellung des Baues, und man hörte noch in den 40er Jahren das böse Wort, gerichtet gegen Befürworter des Schöpfwerkbaues: »Dat is ok son groten Pumper.« Wobei man nicht genau wußte, ob das Wasser- oder das Geldpumpen gemeint war.

Maschinenraum

Bedingt durch die Not des 2. Weltkrieges und die turbulenten Zeiten nach dem 2. Weltkrieg war bis Ende der 50er Jahre eine starke Verschlammung der Gewässer eingetreten. Ebenfalls hatten die Schöpfwerke unter der lang andauernden schlechten Versorgungslage sehr gelitten.
 
Im Verlauf der Durchführung des Küstenplanes wurden nahezu alle in Ihlienworth vorhandenen Wettern gereinigt, ausgebaut, die Schöpfwerke instandgesetzt und dadurch erreicht, daß man einen geregelten Wasserablauf gewährleisten konnte. An besonders gefährdeten Stellen wurden sogenannte Polder angelegt, die mit Kleinschöpfwerken und Drainmaßnahmen eine Trockenlegung der Ländereien ermöglichten und hier die Grundlage schufen, um eine intensive Landwirtschaft durchführen zu können.

© by S.Stüve 15.05.98

So stellt sich heute nun das Entwässerungssystem dar: Zentraler Hauptvorfluter ist nach wie vor der südlichste Teil der im Ortsbild Ihlienworth gelegenen Medem. Die Medem nimmt hier die Große Medemstader Wettern und die Moorwettern, die aus dem Mittelteil und Süderleda sehr große Wassermassen heranführt, auf. Im Ort selber mündet die Große Straßdeichwettern in die Medem und nördlich des Ortes der Neue Kanal mit der Siedenteiler Wettern, der Mislager Wettern und der Großen Odisheimer Wettern. Dieses Stromsystem gewährleistet für alle Zeit einen geregelten Zufluß und Ablauf des überschüssigen Regenwassers.
 
Von jeher waren aber die Gewässer im Sietland nicht nur Kanäle zur rein mechanischen Abfuhr des Wassers, sondern sie dienten vielfältiger Benutzung.
Da waren sie notwendig als Verkehrswege. Fast der gesamte Verkehr in den Winter-, Herbst und Frühjahrsmonaten spielte sich, soweit die Ströme nicht von Eis bedeckt waren, mit dem Kahn ab. Die Haupterzeugnisse Ihlienworths und des Sietlandes, nämlich Getreide und Torf, wurden auf dem Wasserwege nach Otterndorf befördert. Wieder hereingeholt wurden ebenfalls auf dem Wasserwege Baumaterial, Steine, Holz, alles, was sonst noch auf den Höfen und in den Häusern gebraucht wurde. Alle Brücken über die Gewässer und alle Schleusentore, also Schüttels, mußten so sein, das sie ohne Mühe unterfahren oder geöffnet werden konnten.
 
In der Ortschaft Ihlienworth entstanden damals an der Medem mehrere Handelshäuser, die von den Bauern Getreide aufkauften, den Torfhandel vermittelten und dann wieder das, was man zum Leben brauchte, an die Leute verkauften.
Leute, die nur kleine Lasten befördern wollten, benutzten sogenannte »Flöten«, kleine Boote, die vorwärts gestakt wurden oder die man mit dem Ruder »wriggen« konnte.
Eine ganz wesentliche Nutzung spielte in früheren Jahren der Fischfang. Die große Gewässerdichte, viele Kilometer Gräben, bildeten eine hervorragende Kinderstube für alle möglichen Fischarten. Es gab einen enormen Fischreichtum und das Netzfischen, das Aalreusenstellen, das Angeln spielte bei der Bevölkerung des Sietlandes, insbesondere auch in Ihlienworth, eine große Rolle. In der Zubereitung von Fischen, beim Aalräuchern, waren die Sietländer große Künstler.
 
Die großen Fischmengen, die gefangen wurden, bildeten eine wesentliche Ernährungsgrundlage für eine ganze Reihe von Bauern und Handwerkern in den damals im Sietlande gelegenen Dörfern. Es gab eine Unmenge, heute leider vergessener Fischrezepte; aber Vorsicht, die Sietländer fabulieren gern!
 
Vor ein paar Jahrzehnten: Großer Fischzug in der Großen Medemstader Wettern. Es herrschte einiges Hallo. Es sammelten sich Passanten an. Als dann das Netz gezogen wurde und ein sehr alter, großer Hecht zum Vorschein kam, fragte ein naseweiser Zuschauer einen der Fischer: »Was machen Sie denn nun mit diesem großen Fisch?« Der antwortete dann: »Jo, ers ward de sölt und denn röukert wie emm und dann ward de kokt und wenn eh kokt ist, den brot wie emm und wenn he denn noch nich möhr ist, dann kriegt wie emm ünnen inn Grönenkohl.«
 
Der Fischreichtum in den Gewässern zeigte, daß hier die Ökologie, wie man heute sagt, noch in Ordnung war und daß ein sehr großer vielfältiger Pflanzenbestand dort gewesen sein muß.
In der heutigen Zeit lassen es sich Naturschutzverbände und Entwässerungsverbände wieder angelegen sein, dafür Sorge zu tragen, daß die biologischen Verhältnisse in Ordnung kommen. So findet man in der Straßdeichwettern wieder ein umfangreiches Biotop, gekennzeichnet durch große Vorkommen von weißen Seerosen, Teichrosen, Krebsscheren und der ganzen Palette von Uferpflanzen (Beet, Rohrkolben, Igelkolben usw.).
 
Bis vor wenigen Jahrzehnten dienten die Ströme gleichzeitig als Abwasserkanal und zur Trinkwassergewinnung. Bei Niedrigwasser und im Sommer führte das oftmals zu schlimmen Infektionen der Bevölkerung. Die Berichte über Typhus und ruhrartige Erkrankungen aller Art in der Geschichte sind Legion. Noch vor wenigen Jahrzehnten, als noch keine zentrale Wasserversorgung vorhanden war, konnte man in einem Brief lesen, den ein Medemstader an seinen Sohn schrieb, der 1894 in Berlin bei den Soldaten diente: »Das Wasser in den Wettern steht niedrig. Bald wird lautes Klagen über schlechtes Wasser für Menschen und Tiere auf mancher Wohnstelle erschallen.«
 
Diesem Übelstand wurde kurz vor dem Kriege durch den Bau einer zentralen Wasserversorgung im Ort Ihlienworth abgeholfen.
Die Samtgemeinde beseitigte in neuerer Zeit die andere Seite des Übels: die Verschmutzung der Gewässer durch häusliche Abwässer. Ein neues Klärwerk mit zentralem Abwasserkanal wurde gebaut.
 
Bis zur Jahrhundertwende nutzten die Bauern in Ihlienworth das Land fast ausschließlich als Ackerland. Wenn man heute durch das Land fährt, kann man sich kaum vorstellen, daß all die heute vorhandenen grünen Wiesen und Weiden bis dahin Ackerland gewesen sind. Diese Ackerwirtschaft hatte zur Voraussetzung, daß die Bodenfruchtbarkeit mit allen damals zur Verfügung stehenden Mitteln zu erhalten war. Das Hauptmittel dafür war das sogenannte »Kuhlen«. Es bedeutet, die gute Kleierde, die in 2 bis 4 Metern Tiefe und auch noch tiefer anstand, mit dem Spaten oder mit einer primitiven Maschine an die Oberfläche zu befördern und auf dem Lande zu verteilen. Darüber hinaus hatte dieses »Kuhlen« in den tiefer gelegenen Gebieten auch noch die Aufgabe, das Land um 10, 20 oder gar 30 cm höher zu machen, damit es im Winter auch aus dem Wasser schaute und die Möglichkeit bestand, Wintergetreide anzubauen. Die Erträge pro Hektar waren nach unseren heutigen Gesichtspunkten zwar nicht so sehr hoch, aber immerhin findet man in den Berichten doch Ergebnisse, die beim Hafer bis 40 Zentner und beim Weizen noch erheblich darüber hinaus reichten. Das war in der Relation Geld - Arbeitskraft ein sehr, sehr hoher Preis, mit Viehhaltung in der damaligen Zeit bei weitem nicht zu erreichen. So lohnte sich dann auch die sehr kostspielige Kuhlarbeit.
 
Man unterschied zwei Maßnahmen, das »Kuhlen« aus dem Graben und das »Kuhlen« aus dem Lande.
Das »Kuhlen« aus dem Graben konnte von Hand vorgenommen werden. Dabei warf der Kleigräber von unten mit dem Rawayer, einem Holzspaten, der mit Stahl beschlagen war, den Klei bültenweise nach oben zu dem sogenannten »Affsetter«, der mittels einer Holzschaufel diese Kleibülten dann weiter auf einen großen Haufen beförderte. Späterhin ging man daran und verteilte diesen Klei über das ganze Stück Land. Da in vielen Gebieten des Sietlandes - auch in Ihlienworth - der Klei nicht gut stand, d.h. die Böschungen leicht einstürzten, waren findige Köpfe darauf gekommen, eine einfache primitive Kuhlmaschine zu konstruieren.

Kuhlmaschine

Über den Graben wurde ein solides Wiederlager waagerecht ausgelegt, daran ein Gestänge befestigt von etwa 7 Meter Länge. An diesem Gestänge konnte mit einem Ritzel und einer Kammschiene ein sogenannter »Grabekasten« bis zu 6 Meter Tiefe lotrecht heruntergekurbelt werden. Der Grabekasten wurde dann an der Basis mittels eines Gestänges mit einer Klappe verschlossen und die Erdsäule (40 x 40 cm Grundfläche) hochgedreht. Der oberste Teil der Erdsäule, nämlich Schlamm und arger Klei, wurde mit dem Rawayer wieder in den Graben zurückgeworfen, der untere Teil der Erdsäule, nämlich der gute Klei, in eine Kipplore geladen und auf das Land gefahren. Von Zeit zu Zeit prüfte man mit Salzsäure, ob der Klei genügend Kalk enthielt, also gut war. 4 bis 5 Grabkästen nebeneinander ergaben den sogenannten »Maschinengraben«, etwa 2 Meter breit. Ein wahrhaft mühseliges Unterfangen; aber wenn die Kuhlarbeit geschehen war, hatte man für etliche Jahrzehnte fruchtbares Ackerland gewonnen.
 
Eine andere Methode war das »Kuhlen« aus dem Land. Hier wurden in bestimmten Abständen (5 m) tonnenförmig ausgeprägte Kuhlen gegraben, etwa 4 Meter tief. An der Oberfläche legten die Kleigräber die Kuhle kreisförmig mit 5 Fuß Durchmesser an. Auf halber Höhe erreichte man dann 8 Fuß Durchmesser, um am Schluß am Fuß der Kuhle wieder auf 5 Fuß zu reduzieren. Die zuerst ausgegrabenen Erde bis zu einer Tiefe von etwa 5 Fuß (1,50 Meter) war unbrauchbar. Der dann anstehende gute Klei wurde mit einer Tiefe von etwa 6 Fuß (2 Meter) aus der Kuhle herausgegraben.
 
Die Arbeit des »Kuhlens« unterlag einem festen Arbeitsschema. Eine Kuhlmannschaft beim Handkuhlen bestand grundsätzlich aus zwei Mann. Wenn die Wasserverhältnisse es zuließen, wurde am Nachmittag des Vortages von jedem Kleigräber eine Kuhle aufgebrochen, d.h. der obere Boden und der arge Klei herausgegraben. Dann ging man nach Hause. Am Morgen des nächsten Tages um 6 Uhr erschienen die beiden wieder an der Arbeitsstelle. Jetzt grub der erste Mann den Klei aus der Kuhle heraus, und der zweite Mann nahm die Kleibülten mit der Holzschaufel in Empfang und warf sie auf einen Haufen. Die Arbeit dauerte dann etwa 2 bis 2 1/2 Stunden, bis die Kuhlarbeit in dieser Kuhle abgeschlossen war.
 
Das Kleigraben mußte recht flott gehen, weil
1. die Gefahr ständig bestand, daß Wasser einbrach und
2. man damit rechnen mußte, daß nach einer bestimmten Zeit
    die Seitenwände der Kuhle einbrachen.
 
Nachdem die entsprechende Kuhltiefe erreicht war, verließ der Kleigräber schnellstens das Loch und die beiden begannen sofort, den sogenannten »Aufbruch« wieder in die Kuhle zu verfüllen. Dann erst machten sie das 1. Frühstück. Danach wurde die zweite Kuhle nach demselben Schema in Angriff genommen. Die Arbeit an der 2. Kuhle war dann in der Regel gegen Mittag beendet. Nach dem im Freien eingenommenen Mittagessen gingen die beiden Männer daran, die Kuhlen vollständig mit unbrauchbarem Erdreich zu verfüllen. Das mochte aus früherem Grabenaushub stammen, oder auch die bisherige Bauerde, wenn sie nicht mehr recht ertragreich war, wurde in die Kuhle hineingeschaufelt. Nach einer kurzen Pause wurden dann die Vorbereitungen für den nächsten Tag, für die nächsten beiden Kuhlen, getroffen. In der Regel war die Arbeit damit abgeschlossen. Das war so zwischen 15.00 und 16.00 Uhr.
 
In dieser Art ist fast die gesamte Ihlienworther Feldmark umgegraben worden. Eine gewaltige Fronarbeit ist dort von unseren Vorfahren geleistet worden. Wir sollten es bedenken, wenn wir manchmal zu leichtfertig mit dem Land umzugehen pflegen.
 
Das Entwässerungssystem in Ihlienworth ist mittlerweile so ausgebaut, daß es für die nächsten Jahrzehnte eine gesicherte Wasserführung ermöglicht. Für die hier wohnenden Menschen ist gewährleistet, daß sie trockenen Fußes in ihren Häusern und auf ihren Anwesen leben können.
 
Die Aufgaben, die sich den Entwässerungsverbänden und den Gemeinden für die Zukunft im Gewässerbau und im Gewässerschutz stellen, werden nicht mehr so sehr auf Entwässerung gerichtet sein, sondern werden in vermehrtem Umfange die Belange des Naturschutzes, des Artenschutzes und der Wasserreinhaltung Rechnung tragen müssen.

© by S.Stüve 03.01.02
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