Von der einklassigen Dorfschule
zur Mittelpunktschule Sietland

von
Christian Dachselt


»Wenn einmal der Medemstader Lehrer in seinem neuen modernen Schulhause sitzt, das vorn an der Straße gebaut ist (ich rechne ums Jahr 1965), oder aber, wenn dieses Buch als Bestandteil des Schulmuseums der großen Zentralschule in Ihlienworth einen Dornröschenschlaf führt, dann mag das, was hier und in Band I aufgeschrieben steht, wie ein Märchen klingen.« So schreibt Lehrer Georg Reim am 7. 11. 1952 in die Chronik der Medemstader Schule. Sein Traum von der Zentralschule ist eher in Erfüllung gegangen, als er ahnen konnte. Am 2. Dezember 1960 begann für alle Ihlienworther Kinder der Unterricht in der neuen Schule.

Bis dahin war es ein langer Weg. Vieles, was die Chronisten der vier Ihlienworther Schulen in mehr als hundert Jahren ihren Chroniken anvertraut haben, ist heute nur schwer vorstellbar. Bei einigen Eintragungen könnte man geneigt sein, an Märchen zu glauben, wenn sie nicht von aufmerksamen, kritischen Lehrern oft in allen Einzelheiten zu Papier gebracht worden wären.

Die erste Erwähnung einer Schule in Ihlienworth ist an das Jahr 1598 geknüpft. In dem Buch von Schmeelke »Kurze topographische Nachrichten des Landes Hadeln« kann man folgende Eintragung lesen: »Die Schule ist mit einem Lehrer besetzt, welcher auch den Gesang in der Kirche dirigiret. Die Schule ist 1598 fundiret.«

Alte Holzbrücke über die Medem
Holzbrücke über die Medem; rechts ist die Alte Schule

Das ursprüngliche Schulgebäude soll nach mündlichen Überlieferungen auf der Nordostecke des Kirchhofes an der Medem gestanden haben und eine erbärmlich kleine, baufällige Hütte gewesen sein. Später wurde das Schulhaus auf den Platz der alten Schule am jetzigen Parkplatz in der Dorfmitte verlegt. Als es morsch geworden war und den Anforderungen nicht mehr genügte, wurde im Jahre 1852 an derselben Stelle das noch vorhandene Gebäude errichtet. »Wie so oft die Uneinigkeit zwischen dem Oster- und Westerkirchspiel Schaden und Unheil angerichtet hat, so auch hier bei der Auswahl des so ungünstig gelegenen Bauplatzes. Nichtige und kleinliche Vorwände wurden hierbei geltend gemacht, wie zum Beispiel, daß die Kinder aus dem Osterkirchspiel nicht noch weiter ins Westerkirchspiel gehen sollten, also nicht fremdes, feindliches Gebiet betreten sollten. Leider nur zu oft hat man bis zur Stunde diesen großen Fehler in der Platzwahl bereut« (Schulchronik Hauptschule). Der Chronist beklagt weiter, daß durch den Verkehr auf der dicht am Schulgebäude vorbeiführenden Dorfstraße der Unterricht oft empfindlich gestört werde. Außerdem seien die Kinder großen Gefahren ausgesetzt, wenn sie über die Straße zum Spielplatz gelangen möchten.

Seit dem Jahre 1882 besaß die Schule einen Spielplatz auf der anderen Straßenseite. Er diente bis zu diesem Jahr als Hofplatz für das Wohn- und Wirtschaftsgebäude des Organisten Christoph Hinrich Hinke. Er war der letzte Organist und Kirchspielschreiber seines Geschlechts. Nach seinem Tod konnte sein Sohn mangels musikalischer Begabung dieses Amt nicht übernehmen. Von ihm erwarb die Schulgemeinde das Grundstück gegen Tausch und einen zusätzlichen Preis von 30 Pf pro Quadratmeter, nachdem die Gebäude abgerissen worden waren. Der Platz wurde danach planiert, mit Kies und Schlacken aufgefüllt und nach zwei Seiten zur Straße mit einer Dornenhecke versehen.

Dieser Spielplatz muß für die Schulkinder damals eine große Bereicherung gewesen sein, mußten sie doch bis zu seiner Einrichtung auf dem Friedhof hinter der Schule spielen. »Den damaligen Zustand des Kirchhofs zu beschreiben, dagegen sträubt sich meine Feder. Viele Jahre hindurch habe ich mit Widerwillen solches sehen und dulden müssen. Mit derben, strafenden Worten habe ich lange Zeit bei alt und jung auf diesen unwürdigen Zustand des Friedhofes und Gottesackers hinweisen können, ohne daß Wandel geschaffen wurde. Es war den hiesigen Leuten eben zur Gewohnheit geworden, so daß sie mit offenen Augen solches nicht sahen, denn die Gewohnheit hat eine große Kraft. Jetzt ist es mit dem Kirchhof Gott sei Dank besser geworden, nachdem die Jugend ihren eigenen sehr schönen Spielplatz besitzt« (Chronik Hauptschule). Außer der straßennahen Lage der Schule kritisierte der Chronist die durch die Toiletten bedingten sanitären Probleme. »Hierdurch wird das Medemwasser, welches den Kindern und auch einigen Dorfbewohnern als Trinkwasser dienen muß, verunreinigt, wenngleich auch Vorbeugungseinrichtungen getroffen sind, die aber öfters versagen.« Während der Sitzung des Schulverbandes am 22. 3. 1905 wurde der Hauptlehrer Meier ersucht, den Kindern die Entnahme von Trinkwasser aus der Medem zu verbieten und denselben zu sagen, daß in den Nachbarhäusern ein Trunk Wasser zu haben sei.


oben: Spielplatz der Alten Schule um 1910
unten: Gaststätte Schwanemann/Osterstrasse

Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand nur diese Hauptschule bei der Kirche als öffentliche Schule für die ganze Kirchengemeinde. Sogenannte Winkelschulen wurden für das Winterhalbjahr an verschiedenen Stellen der Gemeinde eingerichtet und von ungeprüften Lehrpersonen betreut. Diese Winkelschulen müssen aber schon lange in Verruf gestanden haben, denn bereits Herzog Franz II. verbot im Jahre 1597 in seiner Polizeiordnung fürs Land Hadeln die Winkelschulen. Auch sein Nachfolger Herzog Augustus wiederholte 1625 dieses Verbot, duldete aber für weit von der Kirche wohnende Kinder Sonderregelungen. In diesem Kirchenerlaß findet man auch den Satz »Prediger sollen fleißig in die Schule kommen und auf des Schulmeisters und der Knaben Fleiß genaue Achtung geben« (D. W. Bilkau, Haderiologia Historia).

In der Chronik der Schule Westerende findet man einen aufschlußreichen Abschnitt über die Gepflogenheiten an den Winterschulen. »Diese Hofbesitzer haben im Winger auch Schule gehalten, die größeren Kinder mußten mit dreschen helfen. Wer zum Lernen nicht Lust hatte, der ging auf die Dreschdiele und beschäftigte sich da. Zur Eiszeit sind die Kinder in der Mittagsstunde oft so weit von der Schule weggegangen, daß der Lehrer sie nicht rufen konnte. Von Schulzwang ist damals keine Rede gewesen, es war Willkür überall. Die Kinder konnten wegbleiben, sie konnten lernen in der Schule, wozu sie Lust hatten oder was ihre Eltern wünschten.«

Nach dem Erlaß des Hannoverschen Volksschulgesetzes aus dem Jahre 1845 und dessen Nachtragsbestimmungen im Jahre 1852 verschwanden in Ihlienworth langsam die Winkelschulen, und es wurden an ihre Stelle als ordentliche, öffentliche Volksschulen zwei Nebenschulen errichtet, eine im Westerende und eine in Medemstade. Für die Aufsicht über den Unterricht blieben die Pfarrer und die zuständigen kirchlichen Behörden verantwortlich. Der Unterricht in Medemstade und im Westerende fand zunächst in angemieteten Räumen statt.

Die äußeren Bedingungen beschreibt Lehrer Döscher 1852 in der Chronik der Schule Westerende. Der Klassenraum in dem alten Bauernhaus war »so niedrig, daß ich mich bücken mußte, wenn ich unter den Balken kam. Alte Bleifenster gaben nur wenig Licht, weil sie so niedrig waren. Die Schulwände wurden von den Kindern oft eingedrückt, dann wurde viel Dünger aus der Miste herbeigeschafft, daß das Loch damit gefüllt war. Wenn das Wasser in die Schule drang, dann mußten die größeren Kinder auf dem Moor Heide Iosreißen, um die Schule damit zu streuen. Nach Ablauf des Wassers wurde die Heide als Dünger wieder hinausgeschafft. Die Schule hatte einen Ofen von Ziegelsteinen. Dieser wurde oft von den Kindern umgestoßen, dann gab es eine starke Portion Staub und Kälte, wenn solches zur Winterzeit geschah.«

Ober diese selbst für damalige Zeiten katastrophalen Zustände hat sich Lehrer Döscher mehrfach beim »Provisorencollegium« und beim »Consistorium« beschwert. Seine Vorhaltungen hatten Erfolg. Davon zeugt die Einladung zu einer Interessentenversammlung am 15. 10. 1851 im Gerichtshause des Kirchspiels WesterIhlienworth. Aber es vergingen noch fast sechs Jahre, bis die Einzelheiten zur Einrichtung eines geeigneten Gebäudes geregelt waren. Am 6. April 1857 bewilligte das Königliche Consistorium des Landes Hadeln zum Ankaufe eines Schulhauses 300 Taler. Zu einem Hauskauf ist es aber nicht gekommen. Stattdessen entschlossen sich die Schulinteressenten zum Neubau eines Schulhauses. »1858 wurde der Bau ausgeführt; ich wurde nicht gefragt, wie es am zweckmäßigsten eingerichtet werden könnte. Als das Haus fertig war, war manche Einrichtung wider meinen Willen. Seitdem ist noch vieles umgebaut im Hause« (Chronik Westerende).

Im Laufe der Jahre traten die Mängel am Schulhaus immer deutlicher in Erscheinung. Außerdem entsprach es nach Aussagen von Lehrer Dohrmann (1891) in keiner Weise mehr den Ansprüchen. »Die Interessenten kamen zu dem gewiß sehr verständigen Entschluß, zum Wohl der Schule und des Lehrers einen Neubau vorzunehmen. Das alte Schulhaus wurde abgetragen und auf demselben Platze das neue, welches die Lehrerwohnung und das Schullokal enthält, gebaut.« Die Kosten des 1891 vollendeten Baues betrugen 13 000 Mark.

In Medemstade wurde 1879 ein neues Schulgebäude errichtet, »da das Schullokal und die Lehrerwohnung dem Schulgesetze nicht entsprachen« (Chronik Medemstade). An der Schule Medemstade unterrichtete von 1875 bis zum Jahre 1897 Lehrer Dohrmann. Er war der Vater des Lehrers Dohrmann, der von 1889 bis 1894 die Schule Westerende verwaltete. Nachfolger im Westerende wurde 1894 Lehrer Winkelmann, der bis 1928 an der Schule tätig war. In Medemstade trat 1897 Lehrer Vagts die Nachfolge an. Von ihm stammt eine amüsante Eintragung in seiner Schulchronik aus dem Jahre 1900: »Am 12. März inspizierte der Lokalschulinspektor, um festzustellen, ob der Unterricht auch rechtzeitig stattfinde. Es war nämlich dem Lokalschulinspektor gemeldet worden, Lehrer Vagts schlafe zu lange. Die Nachricht beruhte auf einem Irrtum. Die Uhren in Medemstade gehen nämlich gewöhnlich in jedem Hause etwa 1/2 bis 3/4 Stunden früher als die maßgebende Uhr anzeigt«.

Ankauf der Schule in der Westerende

Die Einrichtung einer Nebenschule in Mislag führte in den 90er Jahren zu einer langjährigen Beunruhigung in der Gemeinde und schließlich sogar zu einem Prozeß zwischen Mislag und der Gemeinde Oster-Ihlienworth. Trotz der Ablehnung des Antrages der Mislager Interessenten durch das Provisorencollegium bauten die Mislager 1891 ein Schulgebäude. Die hier gegründete Privatschule soll wegen der geringen Schülerzahl mühsam ihr Dasein gefristet haben. »Bei der Gründung war weniger das Bedürfnis als die Eitelkeit Zweck und Anlaß. Mittels schamlosen Agitierens und Überredens wurden jährlich zu Ostern einige Schüler angeworben, so daß die Schule ihren Bestand von etwa einem Dutzend derselben aufzuweisen hat und so mit dem aufgebrachten Schulgelde notdürftig ein Privatlehrer gehalten werden kann« (Chronik Hauptschule). Nach einer Notiz in dieser Chronik ging die Privatschule in Mislag 1906 ein und wurde danach als öffentliche Nebenschule geführt, bis 1908 von Lehrer Junge, anschließend ab Oktober 1908 von Lehrer Fiege.

Die Schulgrenzen, Befugnisse und Ausnahmen aller Art für die drei Ihlienworther Schulen sind in dem »Reglement über die Einrichtung des Volkschulwesens zu Ihlienworth« vom 13. 2. 1858 festgelegt.

In § 1 ist zu lesen: »Die Kirchengemeinde in Ihlienworth bildet einen Schulverband nach den gesetzlichen Vorschriften des Volksschulgesetzes vom 26. Mai 1845.«

§ 2: »Der Schulverband wird für jetzt in drei Bereiche eingeteilt, nämlich: Erster Bezirk: die Hauptschule
Zweiter Bezirk: die Nebenschule in Medemstade
Dritter Bezirk: die Nebenschule in Westerende.«

In § 4 wird die Einrichtung von »Hülfsschulen« geregelt. »Für den Winter sollen, falls das Bedürfnis da ist, Hülfsschulen hinzutreten, wie sie bisher schon gewesen sind. Ihre Zahl wird unter den jetzigen Verhältnissen höchstens vier betragen.« Solche Schulen konnten im Mittelteil, im Süderende von Medemstade, in Mislag sowie im Sieden- und Hohnswikerteil eingerichtet werden. Den Interessenten aus OsterIhlienworth wurde freigestellt, anstatt der beiden Hülfsschulen eine Nebenschule zu bilden.

Der § 8 befaßt sich mit der Wahl der Lehrer: »Der Lehrer wird von den Interessenten gewählt und von den Predigern geprüft, danach dem Königlichen Consistorium zur Bestätigung vorgeschlagen. Sollte sich herausstellen, daß der Lehrer nicht tüchtig genug ist, um größere Kinder zu unterrichten und wäre kein tüchtiger Lehrer zu erhalten, so müssen die Kinder über zehn Jahren zur Bezirksschule gehen. Die Kinder unter zehn Jahren können in der Hülfsschule bleiben.«

§ 12: »Das Schulwesen in seiner Gesamtheit steht unter Verwaltung des Kirchlichen Collegiums.«


Peter Meier, von 1869 bis 1911 Lehrer und Kantor an der Hauptschule, erweist sich in der von ihm verfaßten Chronik als aufmerksamer und kritischer Beobachter der schulischen und kommunalen Vorgänge. Über die Neuordnung des Schulwesens in Ihlienworth äußert er sich mit Verbitterung: »Wenn man vorstehendes Reglement, ein Werk des Superintendenten W., betrachtet, so muß man sagen, daß solches heute nach 50 Jahren trotz seiner noch bestehenden Rechtsgültigkeit längst außer Kurs gekommen ist. Es weht aus ihm ein Modergeruch aus alter Zeit, wo Willkür auf dem Gebiet des Schulwesens herrschte. Eine große Reihe Bestimmungen und Festsetzungen wechseln darin mit ebensoviel willkürlichen Ausnahmen ab und heben sich gegenseitig auf, ganz nach dem Muster des Volksschulgesetzes von 1845. Im Reglement wird der Einfluß der Geistlichen auf die Schule gewahrt und sogar die Mitwirkung bei der Schulinspektion den Einwohnern zugestanden. Dem Lehrer aber als dem wichtigsten Faktor in Schulsachen wird in den vielköpfigen Schulkollegien kein Sitz- und Stimmrecht eingeräumt, obwohl das Gesetz über »Kirchen- und Schulvorstände« vom 14. Oktober 1848 solches allen Lehrern im Hannoverlande zugesteht.«

Die Arbeit der Lehrer im vorigen Jahrhundert mußte oft unter wiedrigen Umständen geleistet werden. In den Wintermonaten war der Schulbesuch vor allem im Westerende und in Medemstade meistens unregelmäßig, weil die Wege überschwemmt und unpassierbar waren oder weil das Eis noch nicht hielt. Einige Eltern brachten ihre Kinder bei hohem Wasserstand mit Kähnen zur Schule, aber für eine große Zahl der Schüler war die Schule in dieser Jahreszeit für Tage oder Wochen nicht erreichbar. Im Sommer wurden alle Hände in der Landwirtschaft benötigt, so daß vor allem ältere Schulkinder zu Hause oder bei Nachbarn helfen mußten und die Schule nicht regelmäßig besuchen konnten.

Für diese Aufgaben mußten die Kinder vom 25. März bis 1. November vom Lokalinspektor beurlaubt werden, ohne verpflichtet zu sein, für diese Zeit auch nur eine Stunde die Schule zu besuchen. 1876 wurde vom Consistorium in Stade verfügt, daß das beurlaubte Kind wöchentlich mindestens zwölf Stunden die Schule besuchen mußte. »Diese Einrichtung erwies sich hier als wenig praktisch und zweckentsprechend. Die abgearbeiteten dispensierten Kinder kamen ermüdet und schlaff zur Schule und störten durch Einschlafen den Unterricht und die Disziplin. Die häuslichen Aufgaben wurden von ihnen nicht gemacht, und mit ihren beschmutzten, zerrissenen Arbeitskleidern erregten sie Anstoß und Ärgernis« (Chronik Hauptschule).

Nach Aussage von Lehrer Meier hat sich dieser Übelstand 1893 durch das vollkommene Aufhören der Beurlaubungen von der Sommerschule und die Einrichtung einer Halbtagsschule für die Oberstufe im Sommerhalbjahr bedeutend verbessert. Die Schüler erhielten an den sechs Wochentagen jeweils drei Stunden Unterricht und konnten trotz des verminderten Unterrichts gleichmäßiger gefördert werden. Von den achtzehn Stunden entfielen auf Religion, Rechnen und Lesen je drei, Aufsatz und Diktat je zwei Stunden, Geographie, Weltgeschichte, Naturgeschichte, Schreiben, Zeichnen, Singen, Turnen und Handarbeiten je eine Stunde.

In der Chronik der einklassigen Schule Westerende sind bis in die Einzelheiten Stundenpläne aufgeschrieben worden. Die abgebildeten Pläne für den Winter 1869 / 70 und für den Sommer 1885 sind Kopien aus dieser Chronik.


Stundenplan von 1869

Alljährlich wurde der Unterricht an allen Schulen vom Kollegium der Kircheprovisoren überprüft. Ihm gehörten die beiden Geistlichen, die beiden Schultheißen, zwei Landschöpfen (Vertreter der Schultheißen), drei Juraten (Vertreter der bürgerlichen Gemeinde und zuständig für die Vermögensverwaltung) und drei Leviten (Leiter der Armenfürsorge) an. Die Ergebnisse der Visitationen konnten erhebliche Folgen für die überprüften Lehrer haben. So ist im Protokoll über eine Sitzung des Schulverbandes vom 5. 2. 1868 zu lesen: »Es soll dem Königlichen Consistorium Anzeige gemacht werden, daß der Unterricht an der hiesigen Hauptschule nach dem Visitationsbericht sehr mangelhaft ist. Dieses ist besonders der Trunkfälligkeit des Kantors T. zuzuschreiben. Durch das unsittliche Betragen T.'s hat dieser das Vertrauen der Provisoren und Schulinteressenten verloren.« An seine Stelle wurde 1869 Peter Meier als Hauptlehrer und Kantor berufen.

Es gab natürlich auch Eltern, die keinen großen Wert darauf legten, daß ihre Kinder eine ordentliche Schulausbildung erhielten. Lehrer Döscher berichtet: »Bei meiner Anstellung (1852) fand ich die Schule wie auch die Kinder in einem Zustande, der mir Bangigkeit einflößte. Große Kinder von 12, 14 und 16 Jahren, besonders Mädchen, saßen den ganzen Tag still daher, die Bibel vor sich oder auch das Gesangbuch, den großen Landeskatechismus; rechnen taten sie nicht. Ich frug nach dem Grunde, weshalb sie keine Tafel und kein Rechenbuch hätten und erhielt die Antwort: 'Vater und Mutter wollen es nicht haben, daß wir rechnen sollen.' Ich mußte also zu den Eltern gehen und ihnen die Sache auseinander setzen. Bei Vielen half es, bei Etlichen stieß ich auf starken Widerstand. Die Kinder brachte ich auf meine Seite. Nach zwei Jahren war ich fertig und stand als Sieger da. Am Anfang gönnten die Alten und Erwachsenen mir keinen freundlichen Blick. Wenn ich auf dem Wege oder in meinem Garten ging, so steckten die Leute die Köpfe zusammen und riefen mir oft nach: 'Da geht der Rockskerl.' Ich dachte dann: Ruhig Blut, Anton. Die Leute verdroß es sehr, daß ich auf ihre Stachelworte nicht entgegnete. Ich sah immer auf meine Schule, daß ich dort nichts versah. Treue siegt zuletzt, das war mein Gedanke, und so ist es auch gekommen.«

Anfänglich war die Hauptschule nur einklassig. Der Hauptlehrer, der zugleich Kantor war, mußte die Schule allein versorgen, obwohl die Schülerzahl im Winter sehr groß war. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde dem Lehrer Thumann ein »Schuldgehülfe« an die Seite gestellt. Bei den »Gehülfen« handelte es sich um junge Leute, die Lehrer werden wollten, aber meist noch kein Seminar besucht hatten. »Sie erhielten vom Hauptlehrer außer Kost und Wohnung jährlich 30 bis 40 Taler Gehalt. In späterer Zeit bekamen sie von der Gemeinde jährlich 180 Taler und mußten für Kost und Wohnung selbst sorgen. Diese Einrichtung bestand bis zum Jahre 1875« (Chronik Hauptschule).

In diesem Jahr wurde die »Gehülfenstelle« in eine selbständige zweite Lehrerstelle umgewandelt und gleichzeitig ein Wohnhaus für den zweiten Lehrer am Deichweg gebaut. Es wurde nach der Fertigstellung von Lehrer Albers, ab 1915 von Lehrer Dummer bewohnt. Im Schulhaus befand sich 1875 neben der Wohnung für den Hauptlehrer ein Klassenzimmer im Erdgeschoß und ein Klassenraum unter dem Dach. Weil die Schülerzahl auf 250 gestiegen war, wurde mit Wirkung vom 1. Januar 1876 eine dreiklassige Schule mit zwei Lehrern eingerichtet. Da aber nur zwei Klassenräume zur Verfügung standen, mußte die Zahl der Unterrichtsstunden für jede der drei Klassen gekürzt werden. Der Unterricht verteilte sich auf den Vor- und Nachmittag. Diese Verhältnisse waren für alle Beteiligten so ungünstig, daß das Provisoren-Collegium im Jahre 1890 beschloß, einen dritten Lehrer anzustellen und ein drittes Klassenzimmer einzurichten. Aus diesem Grunde mußte der Hauptlehrer seine Wohnung in der Schule aufgeben und bis zum Neubau des Kantorenhauses 1898 gemeinsam mit dem zweiten Pastor das Pfarrhaus im Osterdorf bewohnen. Das Schulhaus wurde so umgebaut, daß alle drei Klassen im Erdgeschoß lagen.

Mit diesem Umbau waren für die damalige Zeit erhebliche Verbesserungen der Einrichtung verbunden. Hauptlehrer Meier würdigt diese Tatsache in der Chronik: »Alle drei Klassen erhielten einen gedielten Fußboden und große, helle Fenster, deren unteren Scheiben mit Milchglas versehen wurden. Jede Klasse erhielt zur Aufbewahrung der Lehrmittel einen großen Schrank. Die Brotschränke für die Kinder, welche bis dahin in den Klassenzimmern hatten stehen müssen, fanden jetzt Platz im Flur. Zur Aufnahme von Kleidungsstücken der Kinder wurde eine genügende Anzahl Haken im Flur und in den Zimmern angebracht. Für gute Ventilation mittels Einrichtungen an den Festern und durch Zinkröhren, welche die schlechte Luft unter dem Fußboden fort nach einem eigens dazu eingerichteten Kamin führen, ist genügend gesorgt. Genannte Zinkröhren bezwecken zugleich, daß der Fußboden durch die unter ihm wegziehende erwärmte Luft im Winter stets warm gehalten wird und so die Kinder vor kalten Füßen schützt.«

Mit Lehrmitteln waren die Schulen lange Zeit sehr spärlich ausgestattet. Als Lehrer Dohrmann 1875 seinen Dienst in Medemstade antrat, fand er nach den Eintragungen in der Chronik folgende Lehrmittel vor: einen Globus, eine Wandkarte von der Heimatprovinz, eine Wandkarte von Deutschland und Europa, eine Wandkarte von Palästina, Abbildungen für den weltkundlichen Unterricht (Säugetiere), WandLesefibel in 16 Tabellen, eine Rechenmaschine, eine Wandtafel, ein Lutherbild, ein Bild Kaiser Wilhelms I., Ergänzungen zum Seminar-Lesebuch, Leitfaden zum Turnunterricht, ein Bild über den Krieg gegen Frankreich. Lehrer Meier schreibt über die Lehrmittelbestände der Hauptschule: »An Lernmitteln waren bis zum Jahre 1872 außer einigen Landkarten und den Wand-Fibeltafeln keine vorhanden.«

Schulkinder am Medemufer und in Flöten

Besonders schwierige Bedingungen fand am Anfang offenbar Lehrer Döscher im Westerende vor: »Schulutensilien waren nicht vorhanden. Wenn der Lehrer solche haben wollte, so mußte er sie sich selbst anschaffen; sie waren dann freilich sein Eigentum. Später mußte die Gemeinde sich doch so bei Kleinem daran gewöhnen, in dieser Beziehung etwas zu tun. Eine schwarze Wandtafel für den Lehrer war ein unabweisliches Bedürfnis; diese wurde dann zuerst nach langem Widerstreben bewilligt.«

Neben den schulischen Verpflichtungen oblagen den Lehrern noch andere Aufgaben. In dem »Reglement« des Kirchenprovisoriums vom 9. Februar 1881 kann man darüber nachlesen: »Mit dem Dienste des ersten Lehrers von der Hauptschule werden die Geschäfte des Küsterdienstes verbunden: Anschaffung und Aufbewahrung des Brotes und Weines bei öffentlichen und Krankencommunionen, die Reinigung der Abendmahlsgefäße und der Altarleuchter, die Besorgung der Abendmahlsgeräte auf den Altar bei öffentlichen Communionen, das Anzünden der Altarlichte, das Waschen der weißen Decken auf dem Altar und das Bedecken des Letzteren mit jenen. Sollte es geschehen, daß Kinder in der Kirche getauft werden, so ist das Taufwasser herbeizuschaffen; falls Trauungen in der Kirche mit Gesang stattfinden, so ist der nötige Dienst zu leisten.

Mit dem Dienste des zweiten Lehrers an der Hauptschule wird das Orgelspielen in allen Gottesdiensten und vorkommenden Trauungen vereinigt, gleicherweise das Schreiben der Dank- und Fürbitte- Zettel bei Geburten und Proklamationen und Sterbefällen, sowie für Kranke, die in der Kirche für sich beten lassen wollen. Zugleich ist der zweite Lehrer gehalten, bei den öffentlichen Leichenbegängnissen, bei denen gesungen wird, mitzusingen, sowohl außerhalb als innerhalb der Kirche. Endlich liegt dem zweiten Lehrer ob, die Schulrechnung des Hauptschulbezirks aufzustellen und abzuschreiben« (Chronik Hauptschule).

Wenn man bedenkt, welcher Einsatz erforderlich war, um all diese Aufträge ordnungsgemäß zu erfüllen, so ist der Groll der Lehrer über die dürftige Bezahlung verständlich: »In der Geschichte der Volksschule unseres Vaterlandes spielt die Gehaltsfrage der Lehrer von jeher eine so klägliche Rolle, daß die Nachwelt sich darüber eines mitleidigen Lächelns wird kaum enthalten können. Klingt es doch unglaublich, wenn um die Mitte des 19. Jahrhunderts, wo der Wispel Weizen (etwa 20 Zentner) über 100 Taler kostete, das Hannoversche Volksschulgesetz vom 26. Mai 1845 festsetzt, daß der Lehrer eine Diensteinnahme von 30 Talern mit Reihetisch oder 80 Talern ohne Reihetisch jährlich erhalten soll, selbst wenn er Kirchendienste verrichten muß. Wie sich zu solchen Gehältern damals Lehrer gefunden und wie sie sich damit durchgeschlagen haben, wird der Nachwelt auch ein Rätsel bleiben. Der Landlehrer quälte sich wie ein Tagelöhner auf seinen Dienstländereien, um seiner Familie Brot zu schaffen, oder er trieb Bienenzucht« (Chronik Hauptschule).

Allmählich erhöhten sich die Einkünfte der Lehrer auch in Ihlienworth. Im Jahre 1880 erhielt der Hauptlehrer an der Hauptschule etwa 800 Mark jährlich als Schulgeld. Dazu kamen 345 Mark aus der Kirchenkasse und Einnahmen aus dem Schulland. Als Kantor standen ihm noch folgende Sterbegebühren zu: » Für die Leiche eines Kindes 50 Pf, für die eines Erwachsenen ohne Gesang 2 Mark, mit Gesang und Personal 2 Mark 50 Pf, daneben für die Chorknaben 1 Mark 50 Pf« (Chronik Hauptschule). Von diesem Gesamteinkommen mußte er jährlich 400 Mark zur Pension seines Amtsvorgängers abgeben, so daß ihm »knapp die Einnahmen aus dem Schulland und dem Schulgeld übrig blieben.« Bis zum Jahre 1888 mußte das Schulgeld vom Lehrer selbst eingesammelt werden. Es betrug pro Schüler zuletzt 5 Mark, vom dritten Kind einer Familie ab die Hälfte. Ironisch stellt dazu Lehrer Grupe, 1885 bis 1888 im Westerende, fest: »Eine sehr angenehme Beschäftigung ist auch zur Zeit noch das Einsammeln des Schulgeldes; wenigstens kann man sich damit am besten bei den Leuten in unliebsame Erinnerung bringen.«

Manche Rundschreiben und Verordnungen an die Lehrer gegen Ende des 19. Jahrhunderts lassen den Leser schmunzeln. In einem »Zirkularschreiben« des Kreisschulinspektors Herrn Pastor Wolff wird der Gebrauch der Spucknäpfe in den Schulen den Lehrern besonders ans Herz gelegt: »Als Übelstände (Einrichtung der Spucknäpfe) und Maßregeln gegen dieselben sind genannt:

1. Im Sommer Verdunsten des Wassers und Austrocknen des Auswurfes. Dasselbe wird verhütet durch häufiges Ausleeren und Anfüllen der Spucknäpfe oder durch Zusatz von etwa 5% Chlorkalium zum Wasser.
2. Im Winter Gefrieren des Inhalts und Zugrundegehen der Spucknäpfe. Diesem Übelstande würde durch passende Aufstellung der Gefäße oder auch durch Zusatz von Chlorkalium oder von Kochsalz zum Wasser entgegengewirkt.
3. Verschütten des Inhaltes durch An- und Umstoßen der Gefäße. Dagegen wird sichere Aufstellung der letzteren in Nischen oder Ecken oder Befestigung am Boden empfohlen.
4. Genuß des Inhalts durch Katzen, Hunde und Hühner. Dies wird durch Zusatz übelschmeckender Substanzen verhindert, etwa von Chlorkalium oder Kreolin; letzteres ist jedoch nur anzuwenden, wo dieser Punkt überhaupt in Frage kommt« (Chronik Westerende).

Im Jahre 1910 wurde durch einen Ministerialerlaß verfügt, daß auch in der Mittelund Oberstufe der Volksschule drei Wochenstunden für Leibesübungen anzusetzen sind. »Die dritte Turnstunde soll da, wo die Geschlechter nicht getrennt sind, als Turnspielstunde angesehen werden, an der sich die Mädchen - natürlich gesondert von den Knaben - unter Aufsicht des Lehrers auch zu beteiligen haben« (Chronik Westerende).

Für die Hauptschule im Dorf, die Schulen im Westerende und in Medemstade sind die Schülerzahlen zum Teil ab Mitte des vorigen Jahrhunderts in den Chroniken bis auf wenige Lücken festgehalten. In der Hauptschule wurde im Jahr 1870 mit 250 Schülern ein Höchststand erreicht. Zeitweise mußten diese Kinder in Abteilungen von einem Lehrer unterrichtet werden. Bis zum Jahre 1910 sank die Zahl nach und nach auf 160 ab.

Im Westerende wurden 1852 50 Kinder unterrichtet. 1888 waren es 97 Kinder, eine Zahl, die an dieser Schule nie wieder erreicht wurde. Dabei ist zu beachten, daß die Schule Westerende bis auf kurze Zeiten immer einklassig war. Die Schülerzahl im Westerende schwankte bis zum Jahre 1910 zwischen 65 und 80.
Die Aufzeichnungen der Schülerzahlen in Medemstade beginnen im Jahr 1899. Damals besuchten 67 Kinder die Schule. Bis zum Jahre 1910 sank die Zahl kontinuierlich bis auf 43.
Über die Schule Mislag liegen nur wenige Aufzeichnungen vor, so daß man weitgehend auf die Hinweise in den Chroniken der anderen Schulen zurückgreifen muß.
An den Ihlienworther Schulen gab es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis zum Beginn des 1. Weltkrieges Lehrerwechsel nur in großen Abständen. Im Dorf waren bis dahin seit 1836 nur drei Hauptlehrer tätig: Nicolaus Thumann (1836 bis 1869), Peter Meier (1869 bis 1911), Ludwig Blume (1911 bis 1928); Lehrer im Westerende: Döscher (1852 bis 1884), Grupe (1885 bis 1889), Dohrmann jun. (1889 bis 1894), Winkelmann (1895 bis 1928); Lehrer in Medemstade: Dohrmann sen. (1875 bis 1897), Stahmann (1911 bis 1914).

Mit Beginn des 1. Weltkrieges änderte sich der Schulalltag erheblich. Die Lehrer Dummer (Dorf), Stahmann (Medemstade) und Fiege (Mislag) wurden kurz nach Ausbruch des Krieges eingezogen. Die verbleibenden Lehrer mußten an den anderen Schulen vertreten, so daß nur stark gekürzter Unterricht erteilt werden konnte. Viele Kinder wurden besonders in den Sommermonaten zu Hause gebraucht und mußten beurlaubt werden, weil die Väter oder andere Hilfskräfte eingezogen worden waren. Im Dezember 1916 kehrte Lehrer Dummer zurück, konnte aber wegen einer schweren Kriegsverletzung nicht den vollen Unterricht erteilen.


oben: Hauptstrasse um 1910 'gen Süden
unten: Gasthaus Heinrich Kopf, dahinter Alte Schule

1914 wurden 30 ostpreußische Flüchtlinge in Medemstade aufgenommen. 9 Flüchtlingskinder erhielten Unterricht an der dortigen Schule, reisten aber 1915 mit ihren Familien wieder nach Ostpreußen ab. Die Mislager Kinder besuchten in den Kriegsjahren die Hauptschule.

Während des Krieges wurden die Schulkinder an Sammlungen beteiligt. Sie sammelten Geld und Eier für das Rote Kreuz, alte Gummireifen, ölhaltige Kerne und Brennesseln. Der Erlös dieser Sammlungen wurde auch dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt. Frauen und Mädchen strickten Strümpfe, Pulswärmer, Leibbinden und Kopfhauben für die Soldaten.

Häufiger Lehrerwechsel bestimmte vor allem an den Schulen Medemstade, Westerende und Mislag während der Kriegs- und der Folgejahre den Ablauf des Unterrichts. 16 verschiedene Lehrer unterrichteten von 1914 bis 1960 an der einklassigen Schule Medemstade. Im Westerende waren von 1921 bis 1960 14 Lehrer tätig.

1919 kehrte Lehrer Hinck an die Hauptschule im Dorf zurück, so daß von dieser Zeit an der Unterricht an der dreiklassigen Schule in vollem Umfang aufgenommen werden konnte. Der Schulbetrieb muß ein Jahrzehnt ohne besonders erwähnenswerte Ereignisse verlaufen sein, denn die Chronik der Schule verzeichnet in dieser Zeit keine auffälligen Eintragungen.

Das Jahr 1928 brachte für die Schüler der Hauptschule eine wesentliche Verbesserung. Die bis dahin dicht an der Schultür vorbeiführende Straße wurde auf die Südseite des Spielplatzes verlegt und in Richtung der Straße eine neue Betonbrücke über die Medem gebaut.

Bau der Medembrücke 1927
Bau der Medembrücke (1927)
oben: 2.v.l. Klaus Feil
unten v.l.: 4.Otto Brümmer, 5.Wassow, 6.Heinrich Hinsch, 8.Willi Nintzel

Im Jahre 1929 wäre es beinahe zu einer Verschlechterung der schulischen Bedingungen gekommen. Weil die Schülerzahl auf 102 abgesunken war, stellte der Schulvorstand den Antrag, eine Klasse abzubauen. Diesen Antrag hat die Regierung nicht genehmigt. Die Schülerzahl stieg bis zum Jahre 1939 wieder auf 134 an. Im Westerende nahm die Zahl der Schüler nach dem 1. Weltkrieg stetig zu. Sie lag Anfang der 20er Jahre immer bei 70. Aus diesem Grunde wurde auf Anordnung der Regierung in Stade mit Wirkung vom 1. 10. 1921 im Westerende eine zweite Klasse eingerichtet und der Lehrer Hans Lübcke der Schule als zweite Lehrkraft zugewiesen. Da für den Unterricht nur ein Klassenraum zur Verfügung stand, mußten die Schüler beider Klassen nacheinander unterrichtet werden, vormittags die erste, nachmittags die zweite. Mittwochs und sonnabends wechselte die Reihenfolge. Diese Lösung dauerte aber nur sechs Jahre. Da die Schülerzahl 1927 auf 60 gesunken und auch für die Zukunft keine Änderung der Tendenz zu erkennen war, wurde die zweite Lehrerstelle wieder abgebaut. Alle Kinder mußten wieder zusammen unterrichtet werden. Weil sich Lehrer Winkelmann dieser Belastung nicht mehr gewachsen fühlte, ließ er sich nach 33jähriger Tätigkeit an der Schule Westerende am 1. April 1928 in den Ruhestand versetzen.

In den folgenden Jahren kehrte an der Schule Westerende keine rechte Ruhe ein. Die Berichte in der Chronik dieser Schule geben ein lebhaftes Zeugnis von den widrigen Bedingungen, denen sich die Lehrer gegenübersahen. »So spiegelte sich am Tage meiner Ankunft mein Motorrad in den gelben Wassern des Hadelner Sietlandes, das ich nie gesehen hatte. Als man mir in Ihlienworth erklärte, Westerende läge fünf Kilometer jenseits des Ortes zu beiden Seiten eines Schlackenweges, da sanken meine Hoffnungen auf den Nullpunkt. Mit großer Mühe gelang es dem Schulvorsteher von Westerende und mir, Kost beim Altenteiler Herrn Frey zu bekommen. Schlafen mußte ich im Schulhause. Eine alte zwei- bis dreischläfrige Bettstelle wurde vom Boden geholt und in einem Zimmer wieder zusammengenagelt.« An anderer Stelle schreibt der Chronist: »Die Eigenart dieser Landschaft zeigte sich besonders am Abend. Der Mond schien auf eine blanke Wasserfläche und tausend Sterne funkelten aus dem blinkenden Spiegel. Beständig glucksten die Wellen an die Ufer des Weges... Die ganzen Tage war man auf das Haus angewiesen, keine Gesellschaft, keine Zerstreuung. Gegen Abend ging ich eine Weile auf dem Wege spazieren. Kaum sah man auch dann einen Menschen; nur ab und zu hörte man, durch den Schnee gedämpft, das ferne Bellen eines Hundes, sonst nichts.«

Dieser Lehrer verließ nach knapp einem Jahr die Schule im Westerende. Sein Nachfolger hielt es nur wenige Monate aus. Er schreibt: »Nachdem die hiesige Schulstelle viermal ohne Erfolg zur Besetzung ausgeschrieben war, beantragte ich meine Versetzung von Medemstade nach hier, um eine bessere Lehrerwohnung zu bekommen.« Am 1. Juli 1929 wurde Lehrer Hüneke angestellt. »Die hiesige Wohnung war arg verfallen. Von den Wänden hingen die Tapeten in langen Fetzen. So konnte ich unmöglich die Wohnung beziehen, zumal der Schulvorstand, speziell der Schultheiß, sich weigerte irgendwelche Änderungen zu veranlassen.« Bereits im Oktober 1929 ließ er sich nach Ritterhude versetzen.

Seinem Nachfolger Gustav Bartels erwartete ein anderes Schicksal. Eine Preußische Notverordnung aus dem Jahre 1931 sah im Regierungsbezirk Stade die Einsparung von 164 Schulstellen vor. Sein Lehrauftrag wurde zum 31. 3. 1931 gekündigt. Die bedrückende Lage vieler Lehrer in dieser Zeit verdeutlicht ein Auszug aus der Schulchronik: »Täglich saß einem das Gespenst der Arbeitslosigkeit im Nacken. Hatte man nicht schon genug vom Warten? Fünf Jahre (1924 bis 1929) hatte ich schon in anderen Berufen zugebracht (Streckenarbeiter, Kartoffelhändler, Handlungsgehilfe, Reisender in Büchern, Lehrmitteln und Musikinstrumenten, Vertreter für eine Großmühle, Lehrer an einer landwirtschaftlichen Schule, Fahrer in einer Getreidehandlung). Aussichten für und auf einen anderen Beruf bestehen jetzt überhaupt nicht. Also ergeben wir uns in unser Schicksal und werden arbeitslos.«

Erst ein paar Jahre später wurde die Schulstelle im Westerende neu besetzt. Lehrer Schöttker kam aus Wulsbüttel. Dort war seine Lehrerstelle auch den Notverordnungen zum Opfer gefallen. »Meine Hoffnung, daß meine Kriegsbeschädigung mich vor einer Stelle wie Ihlienworth-Westerende bewahren würde, hatte sich als irrig erwiesen.« In seine Ihlienworther Zeit fällt die Machtergreifung durch Hitler im Jahre 1933. Die Ausführungen in den Schulchroniken über die damaligen Ereignisse lassen sich heute nur einordnen, wenn man sie vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, der drückenden Arbeitslosigkeit und der verbreiteten Hoffnungslosigkeit der damaligen Zeit betrachtet. Die schlimmen Begleiterscheinungen werden so beschrieben: »Nach und nach bricht der Parlamentarismus in sich zusammen. Die Parteien lösen sich auf. Es gibt keine Parteien, wir sind Nationalsozialisten. Inzwischen hat das gewaltige Ringen um die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, das vornehmste Ziel der Reichsregierung, eingesetzt... Da kein Mitglied des Elternbeirats der sozialdemokratischen oder der kommunistischen Partei angehörte, kam eine Neuwahl nicht in Frage... Im Rahmen der Gleichschaltung wurde der Schulvorstand neu gewählt« (Chronik Westerende).

Nach dem Tod von Lehrer Schöttker im November 1938 unterrichteten ein halbes Jahr die Lehrer der Nachbarschulen vertretungsweise im Westerende. Danach war bis zum Kriegsbeginn 1939 Lehrer Hamer an der Schule tätig, die zu diesem Zeitpunkt von 32 Schülern besucht wurde.

In Medemstade unterrichtete von 1919 bis 1928 Lehrer Buck. Die äußeren Bedingungen waren offenbar auch nicht besonders günstig, so daß nach seiner Versetzung an die Hauptschule in den folgenden Jahren die Lehrer häufig wechselten. Die Chronik berichtet 1928 / 29 so: »Da eine Wohnung mit Beköstigung für Hüneke vorläufig nicht zu beschaffen ist, muß der Lehrer jeden Tag bei Wind und Wetter den Schulweg von Ihlienworth nach Medemstade auf dem Rade zurücklegen. Bei Sturm und Regen ist man auf halbem Schulwege vollkommen durchnäßt. Die Kleidung muß in der Schule wieder auf dem Leibe trocknen, und dabei kann es passieren, daß man mittags auf dem Nachhauseweg noch einmal durchregnet. Die Schultrift ist stellenweise so schlecht, daß man bis über die Knöchel in den Dreck sinkt« (Chronik Medemstade). In den folgenden Jahren unterrichteten die Lehrer Meinking, Dummer und Kuckuck an der Schule. Lehrer Pralle war von 1935 bis zu seiner Einberufung 1939 an der Schule tätig.

In den Jahren bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges beteiligten sich die Kinder aller Schulen »nach wie vor mit selbstverständlichem und natürlichem Eifer an Sammlungen« (Chronik Hauptschule, 1937). »Im Nachsommer sammelten unsere Kinder etwa 70 Pfund Weizenähren. Das Getreide wurde dem Winterhilfswerk übergeben. 5 Zentner Kastanien wurden gesammelt und zur Ablieferung gebracht. Im Unterricht wird immer wieder die Notwendigkeit von Sammelaktionen betont. Knochen und Papier wurden gesammelt. Wir alle helfen mit an der Durchführung des VierJahres-Planes« (Chronik Medemstade, 1937).

Der 2. Weltkrieg brachte tiefgreifende Auswirkungen auch für die Schulen. Die Lehrer in Medemstade und im Westerende wurden unmittelbar nach Kriegsausbruch eingezogen. Die Schule Mislag blieb unbesetzt. Die Mislager Schüler besuchten die Schule im Dorf. So mußten alle Ihlienworther Kinder von 3 Lehrern unterrichtet werden. Eine beantragte Hilfskraft wurde von der Bezirksregierung wegen Lehrermangels abgelehnt. Der Unterricht konnte nur unregelmäßig gehalten werden. Brennstoffmangel führte zusätzlich zu Unterrichtsausfall. Oft mußten vor allem die älteren Kinder zu Hause mithelfen und blieben der Schule fern. Lehrer Dunkhase, von 1928 bis 1939 in Mislag tätig, dann aber nach Hemmoor versetzt, wurden 1940 vertretungsweise die Schulstellen in Medemstade und im Westerende übertragen. Seine Familie war in Mislag wohnen geblieben, weil er in Hemmoor keine Wohnung gefunden hatte. Auf Antrag der Gemeinde Ihlienworth wurde Lehrer Dunkhase vom Wehrdienst befreit und unterrichtete alle zwei Tage jeweils für 5 Stunden in den beiden Schulen. Welche Belastungen damit verbunden waren, schilderte er so: »Viereinhalb Jahre lang habe ich den Weg von Mislag hierher und nach Medemstade gemacht. Er war nicht immer leicht, im Weststurm, im Schneegestöber oder bei Glatteis, Regenwetter mit aufgeweichten Wegen die Strecke zu bewältigen. Manches Mal war ich durchnäßt, manchmal durchgefroren oder außer Atem und ausgepumpt, wenn ich hier ankam. Oft mußte ich die erstarrten Hände und Füße erst wieder aufwärmen, ehe ich unterrichten konnte. Manches Mal versagte auch das Fahrrad, weil die Bereifung schadhaft geworden war, und es war nicht immer leicht, rechtzeitig Ersatz zu beschaffen, da die Bezugsscheine öfter auf sich warten ließen« (Chronik Westerende).

Nach Lehrer Dunkhase übernahm Lehrer Hinck von der Dorfschule die Vertretung in Medemstade und im Westerende. Die Schüler aller Schulen wurden zu Sammlungen eingespannt. Die Altstoffsammlung im Dorf erbrachte 1941 folgende Ergebnisse: 604 Kilogramm Knochen, 15 Kilogramm Wolle, 319 Kilogramm Lumpen, 130 Kilogramm Jute, 985 Kilogramm Papier, 2194 Kilogramm Alteisen. Außerdem wurden Tee- und Heilkräuter und im strengen Winter 1941 / 42 Woll- und Pelzsachen gesammelt.

In der Nacht vom 2. zum 3. August 1943 schlug eine Sprengbombe 20 Meter von der Schule Westerende entfernt ein und beschädigte Dach, Fenster, Türen und einige Wände erheblich.

Durch geburtenstarke Jahrgänge und Zuzug von ausgebombten Familien stiegen die Schülerzahlen an allen Schulen stark an. 1943 / 44 besuchten 48 Kinder die Schule im Westerende. Auf 175 Schüler hatte sich die Zahl 1944 in der Dorfschule erhöht. Durch den anhaltenden Flüchtlingsstrom mußten Anfang 1945 bis zu 230 Kinder in zwei notdürftig geheizten Räumen vormittags und nachmittags unterrichtet werden.

Am 20. April 1945 wurden sämtliche Schulen wegen Bomben- und Tieffliegergefahr geschlossen. Nach dem totalen Zusammenbruch 1945 fiel an allen Schulen der Unterricht bis in den September aus. »In den Sommermonaten waren die Polen im Schulhaus untergebracht. Der Befehl zu dieser Einquartierung kam so plötzlich, daß es nur mehr möglich war, das Allerwichtigste zu bergen. Die Polen haben dann fast alles, was sie noch vorfanden, vernichtet, Verschlüsse aufgebrochen, den Raum der zweiten Klasse als Tanzsaal eingerichtet. Als sie schließlich von den Engländern abtransportiert wurden, lagen Schulakten, Gemeindeakten, Bücher, Säureflaschen, physikalische Geräte... durcheinander. Aus dem Trümmerhaufen konnte nur wenig Brauchbares gerettet werden« (Chronik Dorf).

Am 3. September 1945 konnte in der Dorfschule der Unterricht unter schwierigsten Bedingungen wieder beginnen. 292 schulpflichtige Kinder waren angemeldet worden. Wegen Platzmangels mußten 29 nach Mislag verwiesen werden. Außerdem wurde die Aufnahme der Schulneulinge bis Ostern 1946 zurückgestellt, so daß 222 Schüler an der Schule verblieben. An der Schule Westerende begann der Unterricht am 1. 10. 45. Mit der Verwaltung dieser Schulstellte war Lehrer Gehrke beauftragt worden. In Medemstade nahm Lehrer Rißmann im November 1945 den Dienst auf. Ohne das erste Schuljahr hatte er 62 Kinder zu betreuen. Der Unterricht wurde an allen Schulen sehr erschwert durch das Fehlen von Lehr- und Lernmitteln. Viele Kinder mußten auf Zetteln und Abfallpapier schreiben. Als Kreide dienten zeitweise Mörtel und Putzkalk. Gegen Altpapier konnten Hefte eingetauscht werden. Für einen Doppelzentner Altpapier wurden 510 Hefte geliefert. Für die kleinen Probleme der Nachkriegszeit, die mit einfachen Mitteln und Eigeninitiative behoben werden mußten, sei stellvertretend für viele andere ein Beispiel aus der Schule Medemstade aufgegriffen (1948): »Es gibt keine Besen zum Reinigen der Klasse. Selbst die Gemeinde ist nicht in der Lage, einen zu besorgen. Infolgedessen habe ich Sammler zu den Eltern und Besitzern unseres Ortsteils geschickt, die Pferdehaare sammeln sollten. Die Sammlung setzt uns instand, einen Besen anfertigen zu lassen und die Schule mit den gespendeten Scheuertüchern und Scheuerbesen gründlich zu reinigen. Vielleicht müssen wir auch noch auf diesem Wege unser Schulhaus instand setzen lassen.«

Die Schülerzahlen stiegen weiter an und erreichten im Dorf 1948 mit 325, im Westerende 1950 mit 85 und in Medemstade 1949 mit 92 ihre Höhepunkte. Die Zahl der Klassenräume und Lehrer blieb unverändert, so daß der Unterricht nur gekürzt erteilt werden konnte. Im Dorf waren die drei verfügbaren Klassenräume von morgens bis 17.30 Uhr belegt. Am 1. Mai 1949 wurde der bisherige Lehrmittelraum im Dachgeschoß als vierter Unterrichtsraum eingerichtet. Das Hochbauamt Stade erhob gegen die Benutzung Einspruch, so daß am Ende des Schuljahres 1949 / 50 wie bisher nur drei Räume für sechs Klassen zur Verfügung standen. Sechs Lehrer gehörten zu dieser Zeit zum Kollegium der Dorfschule: Hauptlehrer Buck, die Lehrer Hinck, Kirchhoff, Klopsch, Köster und die Lehrerin Igney.

Im Westerende wechselte im Juni 1946 schon wieder der Lehrer. Für den nach Altenbruch versetzten Lehrer Gehrke trat Lehrer Czudnochowski nach den Sommerferien seinen Dienst an. Er wurde 1951 pensioniert. Sein Nachfolger war Lehrer Rüdiger. Wegen der hohen Schülerzahl wurde die Schule Westerende 1951 wieder zweiklassig. Herr Reim wurde der Schule als zweiter Lehrer zugewiesen, blieb aber nur bis zu den Herbstferien 1952, weil er danach die unbesetzte Schulstelle in Medemstade übernehmen mußte. Aus diesem Grunde hatte die Schule Westerende wieder nur einen Lehrer. Der Lehrermangel ließ einen kontinuierlichen Unterricht oft nicht zu. 1953 sollten 18 Kinder des Westerendes auf behördliche Anweisung als Gastschüler die Schule Süderleda besuchen, da die Schülerzahl im Westerende immer noch über 60 lag. Aber die betroffenden Eltern schickten ihre Kinder nicht nach Süderleda, sondern forderten eine zweite Lehrkraft. Ihre massive Weigerung hatte 1953 Erfolg. Frau Rüdiger wurde als Lehrerin eingestellt. Bis zur Pensionierung des Ehepaares Rüdiger im Herbst 1959 konnten sich die Schüler der Schule Westerende nach wechselvollen Jahren einer Phase der Ruhe erfreuen.

Auch die Schule Medemstade blieb bis 1958 sechs Jahre ohne Lehrerwechsel. Für die Kinder dieser Schule brachte der Bau der neuen Straße 1957 / 58, die direkt an der Schule vorbeiführte, endlich einen zu jeder Zeit gut begehbaren Schulweg. Aber diese späte Annehmlichkeit konnten die Schüler aus diesem Bereich nur noch kurze Zeit nutzen.

Der ab Mitte der 50er Jahre ins Gespräch gebrachte Bau einer Zentralschule in Ihlienworth für alle Ihlienworther und einen Teil der Steinauer Schüler gewann 1957 immer deutlichere Konturen. Verschiedene Planungen wurden aufgestellt und geprüft. Nicht alle Betroffenen waren mit der Zentralisierung einverstanden. Die Gegenargumente erwiesen sich oft als wenig objektiv und unrealistisch. Die vernünftige Absicht, auch den Kindern auf dem Lande günstige Schulbedingungen zu schaffen, erwies sich aber als stark genug. Die Planung einer Zentralschule in Ihlienworth trat in ihre letzte Phase. Am 11. April 1958 faßte der Gemeinderat einstimmig den Beschluß zum Bau der Mittelpunktschule. Mit dieser Entscheidung wagten die Ratsherren einen bedeutenden Schritt in die Zukunft. Am 24. Juni 1959 wurde in Anwesenheit des Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf der Grundstein für den Bau der Schule gelegt. Schon im November des Jahres war der Rohbau fertig. Da die Gemeinde Ihlienworth und die Gemeinde Gründendeich die ersten Mittelpunktschulen im Regierungsbezirk erbauten, konnte auf Erfahrungen für diesen Schultyp nicht zurückgegriffen werden. Viele Beratungen waren nötig, um die neue Schule so auszugestalten, daß sie den Anforderungen einer modernen Bildungsstätte entsprach, ohne die finanziellen Möglichkeiten zu überschreiten.

Am 2. Dezember 1960 sollte der Unterricht in der neuen Schule aufgenommen werden. Aber am Tag davor wurden die Schülertransporte durch den Einspruch der Post in Frage gestellt. Keine Stelle bei der Bezirksregierung in Stade fand sich bereit, in einer völlig neuartigen Situation ein klares Wort zu sprechen. Erst die verantwortungsbewußte Entscheidung des Oberkreisdirektors Büning gab grünes Licht für die Schülertransporte durch den privaten Unternehmer Walter Rüsch und ermöglichte dadurch den planmäßigen Unterrichtsbeginn. Zum Kollegium gehörten damals die Lehrerinnen Dachselt, Eckhoff, Lehmann, Lehmbeck und die Lehrer Koch, Köster, Kutsche, Lehmann und Nentwig. In Hauswirtschaft unterrichtete Frau Stefanowski, für die Textilarbeit waren Frau Kasielke und Frau von Hassel zuständig. Die offizielle Einweihung folgte am 19. April 1961. Die Anwesenheit des Kultusministers Richard Vogt und vieler Gäste unterstrich die Bedeutung dieses Tages in besonderer Weise. Der Minister betonte in seiner Festansprache, es sei unbedingt notwendig, den Wandel im schulischen Leben zu schaffen, denn alles habe sein Gesicht gewandelt, nur die Schule bisher nicht. Bürgermeister Karsten übergab den Neubau an Rektor Koch, der die Schule bis 1970 leitete.

Die Weihe der ersten Mittelpunktschule des Kreises Land Hadeln wirkte weit über Ihlienworth und den Kreis hinaus. Von überallher kamen in der Folgezeit Besucher, Lehrer, Architekten, Gemeinde- und Kreisräte, um die moderne Schule in Augenschein zu nehmen, die in Ihlienworth für 1,5 Millionen DM gebaut worden war. 268 Ihlienworther Schüler besuchten Ostern 1961 die neue Schule. Mit der Einführung des neunten Schuljahres zu Ostern 1962 kamen auch Schüler aus Steinau und Odisheim hinzu. 1965 folgten die siebente und achte Klasse aus Odisheim. In diesem Jahr wurde der Schuljahresbeginn in der BRD von Ostern auf den 1. August verlegt.

Eine neue Entwicklung bahnte sich im Schulwesen des Sietlandes Ende der 60er Jahre an. Der für Steinau geplante Bau einer vierklassigen Grundschule wurde 1969 von der Regierung nicht weiter unterstützt, da die stark sinkenden Schülerzahlen dieses Vorhaben nicht mehr rechtfertigten. Diese Entscheidung führte 1970 zur Umschulung aller Steinauer und Odisheimer Schüler nach Ihlienworth. Da durch diese Maßnahmen der vorhandene Schulraum in Ihlienworth nicht ausreichen würde, war ein Anbau von neun Klassenräumen notwendig. Im Herbst 1970 wurde das Richtfest für den Neubau gefeiert. Bis zur Benutzung der neuen Klassenräume am 1. März 1971 mußten 509 Kinder aus fünfzehn Klassen in neun Klassenzimmern und den Sonderräumen unterrichtet werden. In dieser Übergangszeit war bei eingeschränktem Raumangebot voller Unterricht für die Schüler nicht möglich. Als besonderes Problem erwies sich in diesen Monaten der Transport der rund 400 Fahrschüler, da viele Fahrten nötig waren, um die Kinder zu den unterschiedlichen Anfangs- und Endzeiten zu befördern. Die Bundespost und die privaten Busunternehmer Tiedemann, Köller, Rüsch und Meyn lösten die Probleme zur Zufriedenheit.

Am 9. Juli 1971 wurde der Neubau der »Mittelpunktschule Sietland« offiziell eingeweiht. Oberkreisdirektor Dr. Quidde hob in seiner Ansprache hervor, die Samtgemeinde Sietland habe mit dem Blick für die realen Notwendigkeiten die organisatorischen und räumlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, daß den Kindern dieses Raumes das geboten werden könne, was früheren Schülergenerationen in dieser Form nicht zur Verfügung gestanden hätte. Mit dem Wunsch, die an dieser Schule zu unterrichtenden Kinder mögen von ihr den rechten Gebrauch machen, sie als ihr Eigentum annehmen und entsprechend behandeln, übergab Samtgemeindebürgermeister Martin Lüder Rektor Dachselt offiziell den Erweiterungsbau. Ein »Wermutstropfen« in dieser Feierstunde war die Feststellung des Rektors, daß mehr als ein Drittel der Sollstunden infolge Lehrermangels nicht erteilt werden kann. Zu diesem Zeitpunkt waren vierzehn Lehrkräfte, einige nur mit wenigen Stunden, an der Schule tätig. Mußten 1970 15 Prozent aller Stunden wegen fehlender Lehrer ausfallen, so waren es 1972 45 Prozent. In den folgenden Jahren bis 1978 lag die Stundenkürzung zwischen 25 und 10 Prozent. Erstmals 1979 konnte an der Schule der Unterricht in vollem Umfang erteilt werden.

Grundschule Ihlienworth heute

Der Neubau war noch nicht bezogen, da begann die Diskussion um die Reform der Schule aufs neue. Waren es zehn Jahre zuvor Pläne um die Einrichtung der Mittelpunktschulen, die Politiker, Lehrer und Eltern stark beschäftigten, so stand Anfang der 70er Jahre das neue Schulgesetz im Interesse der Öffentlichkeit. Es trat am 1. August 1974 in Kraft und brachte auch für die Kinder des Sietlandes und ihrer Schule einschneidende Veränderungen. Nach Einführung der Orientierungsstufe, die zu anhaltenden Auseinandersetzungen geführt hatte, wurden erstmals 1975 die fünften Klassen im Schulzentrum Otterndorf unterrichtet. Die Schüler der Klassen 6 bis 9 blieben bis zu ihrer Entlassung in Ihlienworth. 1979 verließ die letzte neunte Klasse die Schule. Danach wurden in Ihlienworth nur noch Grundschüler unterrichtet. Im Schuljahr 1979 / 80 bestand die Schule aus acht Klassen mit 219 Kindern. Durch die Umschulung der älteren Jahrgänge nach Otterndorf hatte sich der Raumbedarf erheblich verringert, so daß acht Klassenräume des ersten Bauabschnitts von der Schule nicht mehr genutzt werden konnten. In ihnen wurden die Spielkreise aus Ihlienworth, Steinau, Odisheim und eine Heimatstube untergebracht, dem DRK wurden zwei Räume und der Tennisabteilung ein Raum zur Verfügung gestellt. Als Folge eines sehr schwachen Geburtsjahrganges konnte 1985 nur eine Anfängerklasse eingerichtet werden, so daß von der Schule ein Klassenraum weniger gebraucht wurde. Dieser Raum im Neubau wird jetzt von der Musikschule benutzt.

1989 gehören zur Grundschule in Ihlienworth sieben Klassen mit 125 Schülern. Acht Lehrkräfte, die Lehrerinnen Foellmer, Hoffmeister, Laumann, Lührs, Mahler, Oest und die Lehrer Dachselt und Nentwig, sind jetzt an der Schule tätig. Mit Beginn des Schuljahres 1989 / 90 wurden wieder acht Klassen in Ihlienworth unterrichtet.

Seit der ersten Erwähnung einer schulischen Einrichtung in Ihlienworth hat das Schulwesen dieses Dorfes eine wechselvolle Entwicklung erlebt. Der Weg von der ersten Schule bis zur modernen Mittelpunktschule verlief nicht immer gradlinig. Er dokumentiert einen wichtigen Bereich der Dorfgeschichte und zeugt von der Bereitschaft, neue Ziele ins Auge zu fassen und schwierige Aufgaben zu lösen.

© by S.Stüve 05.01.02
zurück