Die Kirche St.Willehad zu Ihlienworth

von
Ludwig Feltrup


 

Dieser Bericht soll keineswegs eine chronologische Baubeschreibung der Ihlienworther Kirche wiedergeben. Um das durchzuführen, wäre ein gründliches Quellenstudium nötig.
Diese Zeilen wollen hingegen das Interesse des Lesers ein wenig wecken, um sich einmal die Zeit zu nehmen, unsere besonders schöne Kirche zu besichtigen und auf sich einwirken zu lassen.

Wer nach Ihlienworth kommt, wird die hiesige Kirche mit ihrem freistehenden hölzernen Glockenturm nicht übersehen können. Die Kirche - geweiht dem hlg. Willehad - liegt auf einer hohen Wurt in der Mitte des Ortes. Die Anhöhe brachte es mit sich, daß das Kirchengebäude bei Hochwasser von Überschwemmungen, die früher für das Sietland charakteristisch waren, verschont blieb.

Die St. Wilhadi-Kirche ist ein Feldsteinbau und stammt aus dem frühen 13. Jahrhundert. Leider handelte man in der Erhaltung der Bausubstanz nicht immer konsequent. Die Folgen daraus spiegeln sich sowohl in der auf der Westseite von Grund auf hochgezogenen unschönen, weil artfremden, Ziegelwand als auch in der teilweise mit Zement verputzten Nordwand wieder.

Die rundbogigen Türen und Fenster sind laut Aufzeichnung 1785 vergrößert bzw. ganz neu erstellt. Das Kirchenschiff und der Chorraum im Osten bilden eine Einheit und sind ganz sicherlich im gleichen Zeitraum erbaut.

Zugänge in das Kircheninnere finden sich auf der Süd- und Nordseite. Der Zugang zum Chorraum befindet sich gleichfalls auf der Nordseite. Im Vergleich zu den übrigen Fenstern fällt auf der Ostseite (Chorraum) ein verhältnismäßig kleines Fenster auf. Dieses Fenster zeigt möglicherweise die einstige Größe der früheren Fenster an und deutet auf den vormals 'romanischen' Baustil der Kirche hin.

Der Betrachter, der das Kirchengebäude einmal umgangen hat, wird die Grabplatten längs der Süd- (4 Grabplatten) und Nordwand (1 Grabplatte) und Ecke ChorraumNordwand (1 Grabplatte) nicht übersehen haben.
Es ist anzunehmen, daß diese Platten ursprünglich in der Kirche lagen. Das unterstreicht einmal die Anordnung der Ornamente auf den Grabplatten, zum anderen aber auch eine gewisse Abnutzung der Darstellungen und Inschriften, was auf häufiges Betreten zurückzuführen ist.
Wer alsdann auf der Südseite durch die Kirchentür in das Innere der Kirche eintritt, wird nicht wenig überrascht sein! Vielfarbig und doch zugleich harmonisch aufeinander abgestimmt, stellt sich das Innere des Kirchenschiffes dar. Zuerst fällt der Blick auf die Emporen, die im Lande Hadeln als 'Lektoren' bezeichnet werden.
Die Westempore oder Orgelempore ist die ältere. Die Jahresangabe 1699 auf einer der Brüstungsfüllungen weist darauf hin. In den weiteren Füllungen erkennt der Betrachter die in Öl auf Holz gemalten Apostel und in deren Mitte Jesus Christus.
Auch die damaligen amtierenden Landschöffen, Leviten, Juraten und Prediger hat man namentlich festgehalten. Aber nicht zum eigenen Ruhm hat man die Abbildungen der Apostel und die oben aufgeführten Namen der 'Provisores' angebracht, sondern wie auf der Inschrift einer der Brüstungsfüllungen nachzulesen ist: »Zur Ehre Gottes wie auch dieser Kirche zum Zierath haben vorbemelte Herrn Provisores diesen Lecter bauen und anlegen lassen. - Diederich Joh. Bohn / fecit - !«

Die Vorderansicht (Prospekt) der Orgel auf dieser Empore - geschmückt durch einen unübersehbaren Posaunenengel - dürfte der Barockzeit (um 1730) zuzurechnen sein.
Das Orgelwerk als solches ist in den 60er Jahren von der Firma Führer, Wilhelmshaven, völlig erneuert worden. Die Nordempore, die sich beinahe über die ganze Länge des Kirchenschiffes erstreckt, übersetzt die Bezeichnung 'Lektor' für Empore dadurch sinnvoll, daß der Betrachter im Verlauf der aufeinanderfolgenden Füllungen die bildliche Darstellung der Heilsgeschichte Jesu - von der Ankündigung der Geburt bis zur Himmelfahrt - mit entsprechenden Texten nachzulesen vermag. Auch der Name des Künstlers 'Georg Pipping von Altenbruch' mit Jahresangabe - 1705 - hat man daselbst festgehalten. Aber auch auf dieser Empore sind Namen und Bilder nicht zum Selbstruhm angebracht, sondern zweimal ist nachfolgender Wortlaut zu lesen: »Nicht uns Herr nicht uns sondern deinen Nahmen allein gib Ehre!« Wer zu den Emporen hochschaut, dem wird ganz sicher nicht das Rankenwerk an den Deckenträgern entgangen sein, desgleichen die Beschriftung des Längsbalkens mit den Bibelworten: »Wer dess Hern Namen an Ruffen wird, der sol erredded werrden« Joel 3,5. »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, und Liebe üben, und demütig sein vor deinem Gott« Micha 6,8!

Auf jeden Besucher wirkt die bunte, kassettenartig aufgeteilte Decke des Kirchenschiffes, auf der Namen und Familienwappen hiesiger Familien aufgeführt werden, besonders auffällig. Diese Decke wurde nach alten Vorlagen aus dem 17. Jahrhundert vom Kirchenmaler Ebeling 1904 völlig überholt.
Auch das Gestühl mit seinen zum Teil geschnitzten oder einfach bemalten Wangen - im Westteil mit geschnitzten Löwenköpfen zu sehen - ist laut Inschrift auf das Ende des 17. Jahrhunderts - Anno Domini 16... - zurückzuführen. Die Sitzflächen des Gestühls wurden 1972 verbreitert.
Nach der Betrachtung von Emporen, Orgel, Decke und Gestühl richtet sich nunmehr folgerichtig der Blick auf die Kanzel mit Schalldecke. Die reichverzierte Kanzel ist an der Südseite, Ecke Chorraum, erhöht angebracht. Die Kanzel ist eine Stiftung damaliger 'Provisores und Prediger'. Mit ihren freistehenden Figuren entstammt sie offenbar der Werkstatt 'Jürgen Heitmanns', wie im Lagerbuch 1668 aufgeführt worden ist. Bei den fünf Figuren handelt es sich um die vier Evangelisten 'Matthäus, Marcus, Lukas und Johannes' und in ihrer Mitte Jesus Christus als der Salvator Mundi = der Retter der Welt. Diese Figuren weisen somit den Betrachter darauf hin, was Grund und Inhalt jeglicher Verkündigung zu sein hat.

Nachdem nun die Ausstattung des Kirchenschiffes ein wenig erläutert ist, betreten wir den Chorraum. Dieser ist durch einen relativ niedrigen Triumphbogen vom Kirchenschiff getrennt. Die Erhöhung des Chorraumes mittels dreier Stufen macht die Trennung komplett. Im Chorraum befinden sich das Taufbecken, die Priechen und das Prunkstück unserer Wilhadi-Kirche: Der Flügelaltar.
Der Taufstein ist aus Sandstein. Man hat ihn auf einem quadratischen Sockel stehend, pokalförmig und reich verziert, geformt. In dem oberen Rand des achteckigen Taufpokals sind die Namen der Stifter mit Jahreszahl - »1717 d. 18. August hat Diderich Rüsch, C.W. Jurat und Peter Öser C.W. Levit diesen Taufstein verehret« - festgehalten. Künstlerisch ist auch der Holzdeckel für den Taufpokal, der in Form einer achteckigen Pyramide - zusammengefügt aus gesägten Zierhölzern mit oben abschließendem gerillten Knauf - sich dem achteckigen Rund des Taufpokals wie genormt anpaßt.
Auch die Taufschale aus Messing ist mit einer Randinschrift versehen, die noch einmal Datum - 1717 den 19. Augusti - und Namen der Stifter - Diderich Rüsch und Peter Öser - und den Ausführenden - P. Temp. Juraten Barhold Goes - aufzeigt.

Auf der Nord- und Südseite des Chorraumes befinden sich 'Priechen', mannshohe, abgeteilte und reich verzierte Räumlichkeiten, von denen die auf der Nordseite vorfindliche Prieche wohlmöglich in vorreformatorischer Zeit als Beichtstuhl und hernach als Sakristei benutzt wurde, während die Prieche auf der Südseite sicherlich den Honorationen des Kirchspieles aus damaliger Zeit vorbehalten blieb. Man vermutet, daß das Zierwerk an den Priechen ebenfalls der Werkstatt Jürgen Heitmanns entstammt.

Weiterhin fallen dem Betrachter in drei Ecken des Chorraumes Säulenstümpfe (Kapitelle) auf. Diese lassen darauf schließen, daß man einst plante, den im romanischen Stil gestalteten Raum, in die Stilform der zeitlich nachfolgenden 'Gotik' zu verändern. Aus welchem Grunde die Umgestaltung nicht durchgeführt wurde, bleibt dahingestellt.

Der kostbarste Gegenstand in der Kirche bleibt letztlich der Flügelaltar. Als WillehadAltar ist dieser nicht zuletzt deshalb berühmt, weil er der einzige noch verbliebene Altar ist, der dem Willehad als 1. Bischof von Bremen und zugleich als Heiligem geweiht worden ist. Manche datieren die Entstehungszeit des Altars um 1430, also Anfang des 15. Jahrhunderts.

Das Mittelstück des Altars wird von der Kreuzigungsszene bestimmt. Flankiert wird diese Darstellung rechts von Willehad, der das Modell einer zweitürmigen Kirche - sicherlich ist damit der Bremer Dom gemeint - in seiner linken Hand hält. Willehad ist es auch, der auf den Spuren Bonifacius' das Evangelium von Jesus Christus im Raum zwischen 'Weser und Ems' und darüber hinaus verkündigt hat. In groben Zügen erzählt der rechte Flügel des Altars in vier Darstellungen aus dem Leben Willehads (Willehad vor Karl dem Großen / Willehad und Karl der Große als Gründer des Bremer Domes / Willehad als Prediger des Evangeliums / Willehads Tod -789-).

Links der Kreuzigungsdarstellung - parallel zu Willehad - hat der unbekannte Künstler Maria als Königin mit dem Jesuskind auf dem linken Arm dargestellt. Der Altarflügel auf der Seite Marias läßt den Betrachter in vier Szenen Einblick nehmen in das Leben der Maria (Ankündigung der Geburt Jesu / Die Geburt Jesu / Anbetung der heiligen Könige/ Darstellung Jesu im Tempel). Bei allem war Maria vorrangig beteiligt. Sie ist gewissermaßen der Urgrund, den Gott benutzt, um seine Heilsgeschichte unter uns Menschen sichtbar werden zu lassen. Davon aber berichtet Willehad und lädt dazu ein, sich darauf einzulassen. Oberhalb des Kreuzigungsbildes befindet sich eine Abendmahlsdarstellung - Jesus mit seinen Jüngern -, die zugleich Hinweis ist, wo die Gemeinde Christi ihren zugedachten Platz vorfindet.

Maria und Jesuskind   Willehad
Ausschnitte aus dem Flügelaltar

Wie außerordentlich die Erinnerung an Willehad -seinem Tun und Handeln - nachgewirkt hat, beweist nicht zuletzt, daß er noch einmal über der Abendmahlsszene, als oberster Abschluß des Altars, sitzend - wiederum mit einem Kirchenmodell in der Linken - dargestellt worden ist. Es lohnt sich wohl, länger - nicht nur in der Kirche, sondern vor dem Altar - zu verweilen, um über das, wovon die Darstellungen berichten, zum eigenen Gewinn zu meditieren.

Altar, Priechen, Kanzel, Gestühl und Emporen sind in den 60er Jahren restauriert worden. Kirchenschiff und Chorraum wurden in den 80er Jahren neu vermalt. Zur gleichen Zeit erhielt die Kirche eine neue Beleuchtung, die durch eine großzügige Spende aus der Gemeinde ermöglicht werden konnte.

Verlassen wir das Innere der Kirche und wenden uns der Hauptstraße zu, so müssen wir den freistehenden Glockenturm passieren. Dieser besteht ganz aus Holz. Laut Inschrift an der Empore ist er 1651 erbaut, durch Blitzschlag 1699 zerstört und 1700 wieder hergestellt worden. Das helmartige Schieferdach wurde 1972 / 73 neu eingedeckt. Dachrinnen und Abflußrohre hat man 1982 anbringen lassen. 1986 wurden die neuen Schall-Lucken erstellt.

Der Turm beherbergt zwei Glocken. Die große Glocke wurde 1700 gegossen; die kleine Glocke wurde Ostern 1976 ihrer Bestimmung übergeben. Sie trägt die Inschrift: »O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!« (Jer. 22,29).
Hören und Verkündigen dieses Wortes sind Grund und Sinn dafür, unsere schöne alte Kirche auch weiterhin zu pflegen und zu erhalten.

Kirchenglocke von 1947
1942 zum Einschmelzen abgenommen, 1947 unversehrt zurück;
v.l. Wilhelm Karsten, Adolf Tiedemann (NK.), Willi Busch (Wanna), Hinrich Kopf (Nk.)

 

Pastoren der Kirchengemeinde Ihlienworth
1. Pfarrstelle
 

1527- 15. .   Jochim Busse
vor 1566 Hartwig thor Borg
um 1570 Tilemann Stoever
1590-1627 Johann Kemener
1627-1632 Nikolaus Stump (Stummer) dankte ab
1633-1642 Johann Koenig verstorben 1642
1642-1665 Lorenz (Laurentius) Wisichius verstorben 1665
1665-1667 Johann Bitterhoff verstorben 1667
1667-1688 Petrus Zinck verstorben 1688
1689-1701 Henricus Dreboldt verstorben 1701
1701-1704 Christian Olbers verstorben 1704
1704-1743 Nikolaus Georg Werenberg verstorben 1743
1743-1752 Johann Matthias Bauch verstorben 1752
1753-1779 Johann Joachim Brauns verstorben 1779
1780-1803 Adam Georg Jonathan Werenberg
1812-1818 Sebastian Karl Herzing verstorben 1818
1819-1847 Dietrich Kobbe verstorben 1847
1847-1894 Heinrich Theodor Victor Woltmann verstorben 1903
1894-1902 Johann Theodor Victor Woltmann / dankte ab
1903-1907 Heinrich Hermann Wilhelm Friedrich Dahlmann
1908-1920 Johann Hermann Bremer
1921-1927 Adolf Ernst Smechula
1928-1937 Bernhard Hugo Ferdinand Hoyer
1938-1949 Karl Heinrich Helmut Reverey
1950-1958 Georg Sperling
1958-1971 Friedrich Weseloh
1971-199? Ludwig Feltrup 
199?-20?? Peter Best

 

1590 werden neben der schon bestehenden 1. Pfarrstelle zwei weitere Pfarrstellen erstmals erwähnt. Die 2. Pfarrstelle war bis 1914 besetzt und wurde 1973, die 3. bereits 1812 aufgehoben.

© by S.Stüve 14.05.98
überarbeitet 04.01.02
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